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Das Justizkollegen Ping-Pong
Über ein perfides Spielchen im Wirecard Strafverfahren
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Das Justizkollegen Ping-Pong

Tischtennis wurde um die Zeit des deutschen Kaiserreiches ca. 1870 das erste Mal gespielt, als zwei britische Militärsoldaten vor lauter Langeweile bei zuviel Scotch während deren Kolonialisierungen in Indien auf die Idee kamen, einen kleinen Flummi-Ball zu nehmen, um diesen von einer Tischhälfte über eine kleine Mauer aus Büchern auf die andere Tischseite mit jeweils einem Buch in der Hand zu platzieren. Das Spiel wurde immer beliebter, besonders unter Adeligen in England unter Königin Viktoria, wo man es im sog. Parlour spielte. Ursprünglich Teil von christlichen Klöstern, empfing man in diesen speziell eingerichteten, abgeschotteten Parlour-Räumen Menschen aus der Außenwelt, damit diese nicht gleich die Zustände in den echten Wohnräumen der englischen Adeligen mitbekommen. Zur Auflockerung spielte man verstärkt in diesen Parlours Tischtennis, wohl um die Mauern der Gäste gleich von Beginn an zu durchbrechen.

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Offenbar lehnte man sich kürzlich im Palour-Gerichtsaal des Münchener Stadelheim-Gefängnisses an die Ursprünge des Tischtennis-Spiels an, als am 15. und 16. Januar 2025 ein ehemaliger Wirecard-Staatsanwalt vernommen wurde. Das Strafverfahren gegen drei ehemalige Wirecard-Chefs läuft dort schon seit Dezember 2022, vor kurzem hatte man in den adeligen, echten Räumen der bayerischen Justiz entschieden, das Verfahren noch mindestens bis Ende 2025 zu terminieren.

Man entschied also am Landgericht München durch den vorsitzenden Richter, welcher in der Vergangenheit unter der langjährigen Münchener Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl tätig war, einen ehemaligen, ebenfalls zuvor unter Bäumler-Hösl tätigen, jüngeren Staatsanwalt mit Namen Heinen zu den elementar wichtigen Vernehmungen des Mitangeklagten Oliver Bellenhaus vom 15. Juli und 10. August 2020 zu befragen. Dazu nahm man anstatt wie britische Kolonialisten von ungefähr 1870 nicht etwa Bücher zum Tischtennis-Spielen, sondern eher die ca. 200-seitigen Protokolle der Vernehmungen von Oliver Bellenhaus von vor viereinhalb Jahren. Unterbrochen von einer ausgesprochen aufschlussreichen Vernehmung des COO Jacob Powers eines wichtigen Zahlungsanbieters mit Namen CCBill, den man per Video aus Phoenix, Arizona in den Gerichtsaal einschaltete, widmete man die beiden Vernehmungstage ausschließlich dem ehemaligen Wirecard-Staatsanwalt. Heinen wurde kürzlich als Richter an genau dasselbe Gericht berufen, an dem auch der vorsitzende Wirecard-Richter Födisch agiert: das Landgericht München.
Heinen habe "nichts dergleichen mitbekommen", dass sich die staatsanwaltschaftliche Wirecard-Abteilungsleiterin Hildegard Bäumler-Hösl mit dem Rechtsanwalt von Oliver Bellenhaus eventuell 20 Minuten lang frühzeitig und informell über einen Kronzeugen-Deal geeinigt haben könnte.
Versteckt durch stundenlange, justiziär-hochseriöse Befragungen von pyramidialer Ordnung sollte wohl vernebelt werden, was mit Hintergrundinformationen über die beiden Richter des Landgerichts und ehemaligen Wirecard-Staatsanwälte von Beginn an eigentlich ersichtlich war: ein skurriles Kollegenbefragungs-Ping-Pong.

Die Vernehmungsprotokolle vom 15. Juli und 20. August 2020 sind von enormer Bedeutung für das Wirecard-Strafverfahren und wirken wie eine Blaupause für die gesamte Anklage der Staatsanwaltschaft in München. Oliver Bellenhaus wurde Tage zuvor ins Gefängnis gesteckt damals und kam nach den allerersten Hafterlebnissen in Gefängniskleidung in die Räume der Staatsanwaltschaft München. Heinen beginnt seine Erläuterungen am 15. Januar 2025 so auch gleich zu Beginn mit, Zitat, "ich kann mich gut erinnern, es war sehr heiss im Sommer damals, Herrn Bellenhaus war ebenso ausgesprochen heiss, wir hatten ihm auch angeboten, in den Räumen der Staatsanwaltschaft zu duschen".

Über die mysteriösen 20 Minuten Pause zwischen offiziellem Vernehmungsbeginn so um 9 Uhr morgens bis zum, Zitat, "Funktionieren der Tonaufzeichnung", welche im Protokoll vom 15. Juli 2020 für jeden noch so sehgeschwächten ersichtlich ist, wurde in gekonnter Ping-Pong-Theatralik eruiert, dass das schon alles seine Richtigkeit hatte damals - der Techniker hatte angeblich "einfach seine Probleme mit dem Gerät gehabt". Heinen habe "nichts dergleichen mitbekommen", dass sich die staatsanwaltschaftliche Wirecard-Abteilungsleiterin Hildegard Bäumler-Hösl mit dem Rechtsanwalt von Oliver Bellenhaus eventuell frühzeitig und informell über einen Kronzeugen-Deal geeinigt haben könnte. Was etwas erstaunlich ist, denn mit einer der ersten aufgezeichneten Sätze im Protokoll vom 15. Juli 2020 belegen, dass Hildegard Bäumler-Hösl darlegt, Zitat: "Keine Sorge, wir haben hier in der Abteilung auch schon das Siemens-Verfahren GEMACHT(!)". So richtig offiziell belehrt worden ist Bellenhaus offensichtlich auch nicht damals um 9 Uhr, man habe ihm dass zuvor irgendwie klar gemacht. Bellenhaus wird hier im Gericht nochmal gefragt und nickt, er wurde "am Abend zuvor über seine Rechte belehrt".

Im weiteren, stundenlangen Parlour-Ping-Pong der beiden Justizkollegen wird fortan versucht, die Zuschauer in endlos erscheinenden hin-und-her Spielchen zu hypnotisieren. Keiner kann wirklich irgendwelche Fragen zwischendurch stellen, oder ist durch die Art der Verfahrensführung bereits seit Monaten so passiv-aggressiv psychisch misshandelt worden, dass man die mehr als berechtigten emotionalen Ausbrüche besser weiter unterdrückt. Schon die Art der Befragung an sich ist ein Skandal, der vorsitzende Richter geht sprichwörtlich Absatz für Absatz der 200-seitigen Dokumente durch, fragt Heinen zunächst ob er sich ganz generell an den entsprechenden Sachverhalte erinnere und läßt den Zeugen dann ausgiebig erläutern. Dies, um Heinen in 99% aller Fälle geistig danach auf die Schulter zu klopfen und kollegial zu bestätigen, indem der Richter den jeweiligen Absatz aus dem Protokoll mehr oder weniger komplett vorliest.

So geht es stundenlang, vom MCA Geschäft in der Türkei und Brasilien, Crusty auf den Philippinen, die XPay-Plattform, die Softbank-Kapitalerhöhung, Ruprecht, Vision 2025, Kapitalanlagen der Wirecard-Bank im Libanon bis zur Schockreaktion von Oliver Bellenhaus damals, als er erstmals über das Gehalt des Chefbuchhalters von Erffa unterrichtet wurde. Ein Ping-Pong-Highlight ergab sich, als man darüber sprach, wie Oliver Bellenhaus damals im Juli 2020 erklärte, dass man anstatt Echtzeit-Transaktionen lediglich zeitverzögerte Batch-Zahlungsvorgänge für einen von EYs Audits anfertigte. EY war nicht nur damit offenbar völlig einverstanden, sondern auch mit anschließenden statischen Bildschirmfotos dieser Wirecard-Zahlungstransaktionen, trotzdem urteilte der vorsitzende Richter über den entsprechenden Protokoll-Paragraph, dass man letztlich, Zitat, "EY getäuscht habe".

Über den Umstand, dass der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft München Oliver Bellenhaus "so ungefähr 10% aller privaten Essen als Geschäftsessen" deklarierte während seiner gesamten Zeit bei Wirecard wurde genauso elegant geskated, wie darüber, dass Bellenhaus angab, angeblich zutiefst benachteiligt geworden zu sein bei den jährlich üblichen 4%igen Gehaltserhöhungen aller anderen Wirecard-Mitarbeiter. Vielleicht wurde auch wegen der unbedingt aufrecht zu erhaltenden Glaubwürdigkeit des Kronzeugen Bellenhaus erst einen Tag später und ganz zu Ende der zweitätigen Vernehmung über die so wichtigen Protokolle von Mitte 2020 eine Geldwäschemeldung der deutschen Finanz-Zoll-Behörde FIU vom damals selben 15. Juli 2020 auf den Gerichtsprojektor geworfen. Strategisch bedacht zeigt der vorsitzende Richter lediglich den oberen Teil dieser FIU-Meldung, die an das Kriminalkommissariat 72 in München adressiert wurde.
Vielleicht wurde ja genau wegen der unbedingt aufrecht zu erhaltenden Glaubwürdigkeit des Kronzeugen Bellenhaus erst ganz zu Ende der Vernehmung eine Geldwäschemeldung der deutschen Finanz-Zoll-Behörde FIU vom damals selben 15. Juli 2020 auf den Gerichtsprojektor geworfen.
Eine offenbar versehentliche Millisekunde Bidlschirmscrollen des Richters offenbarte für Geübte Beobachter, dass man diese aber auch an die Staatsanwaltschaft München weitergab. Die FIU-Meldung betraf die Levantine-Stiftung von Oliver Bellenhaus in Liechtenstein, wo Geldwäschezahlungen geflaggt wurden. Diese FIU-Meldung wurde "irgendwie abgeheftet", so Heinen lapidar.

Es ging fleißig weiter mit dem justiziären Ping-Pong-Spiel, vom kronzeugerisch-angeblichen "Geldvernichtungsprojekt Aslam" zu fehlenden Mitarbeitern in Dubai und deshalb ja auch angeblich fehlenden Umsätzen. Immer wieder wurde versucht zu plakatieren, dass das gesamte Wirecard-Unternehmen eine Luftbude gewesen sei. Der Richter wird nicht müde, permanent noch so widersinnig anzudeuten, dass alle Umsätze des Unternehmens erfunden waren, trotz aller gegenteiligen Beweisanträge.

Dass man sich in Stadelheim nicht sonderlich Mühe machen will, den Kern des Skandals zu beleuchten, wird weiter deutlich, als man nur ganz kurz nebenbei erwähnt, dass, Zitat, "Manu Sahu der Chefprogrammierer war" und dieser auch Wirecards umtriebige Elastic-Engine-Software ursprünglich programmiert hatte. Obwohl der Chefbuchhalter von Erffa deutlich in den Monaten zuvor darlegte, dass er keinerlei freundschaftlichen Kontakt zu Oliver Bellenhaus pflegte sondern eher das Gegenteil, gab der Kronzeuge anscheinend für die Münchener Staatsanwälte im Juli 2020 vollkommen überzeugend an, Zitat, "von Erffa und ich waren uns immer einig über die Zahlen des Drittpartnergeschäfts, die Zahlen waren gefälscht" ; weiter dass der Chefbuchhalter höchst angeblich Oliver Bellenhaus so Anfang 2020 gegenüber gesagt haben soll: "wenn Du kündigst, kündige ich auch". Um dann etwas später in denselben Protokollen von Juli 2020 darzulegen, dass eigentlich alle zur Hochzeit von Oliver Bellenhaus eingeladen waren, bis auf der ach-so-gute Kollege und Chefbuchhalter Stephan von Erffa selbst.

Offenbar sprach Gott am späten Nachmittag des ersten Verhandlungstages mit einem eindeutigen Zeichen, denn mehr oder weniger alle Bildschirme der vorsitzenden Richter fielen für einige Minuten komplett aus und wurden aus unerklärlichen Gründen sehr schwarz. Dafür ging es dann am Folgetag weiter mit etlichen Attacken auf Dr. Markus Braun, der angeblich "unzählige Calls" mit Oliver Bellenhaus bezüglich der TPA-Zahlen gehabt hatte und den mega-umständlichen Treppen runter-und-wieder-hoch Pilgerweg durch den Notausgang und um den halben Firmensitz herum nicht gescheut habe, um "andauernd im Büro von Jan Marsalek" aufzutauchen und dort gemeinsam die Drittpartnerzahlen diskutierte.


Immerhin teilte Oliver Bellenhaus im Protokoll vom 10. August 2020 auch den Satz mit, dass, Zitat, "Wirecard ausgeplündert worden ist". Wohl ungefähr so wie Zuschauer bei endlos langen, atemberaubenden Ping-Pong Schlagabtäuschen, bei denen man die eigene Brieftasche gerne Mal zu lange außer Acht läßt.









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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.


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