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Der Kriegskreis der Ukraine
Westlicher Stimulus, Kriegshaushalte und die Kunst, nichts zu bauen
Dem Krieg in der Ukraine wohnt eine gewisse Eleganz inne. Die Ukraine nimmt all die großzügige Hilfe an, kauft damit westliche Waren, die sie im eigenen Land nie herzustellen vermochte, und kämpft mit dem Geld und den Waffen des Westens weiter. Russlands Eliten arbeiten derweil mit großem Kapital, welches sie in den Vereinigten Staaten bearbeiten: Sie legen es dort an und blähen ihre Vermögen auf – um dann mit dem ursprünglichen Kapital sowie mit den Nebeneffekten des Krieges westliche Waren zu kaufen, die auch sie in der Vergangenheit zu Hause nie herzustellen vermochten. Jeder Beteiligte klagt, die Gegenseite sei beispiellos korrupt, beispiellos unfähig oder beispiellos aggressiv. Das Geld kreist derweil weiter, denn Kapital interessiert sich nicht für Grenzen – und auch nicht für eine Million toter Männer.
Zuschüsse, Beschaffung und die Kunst des Recyclings
Im Februar 2025 merkte Selenskyj an, die Ukraine habe von der größeren Summe, die die Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit dem Krieg bewilligt hatten, rund 75 bis 76 Milliarden Dollar erhalten. Prompt begann die mittlerweile bekannte Jagd nach den „fehlenden“ hundert Milliarden. Das Center for Strategic and International Studies und eine Reihe von Generalinspekteuren stellten fest, dass der Großteil des Geldes amerikanische Hände nie verlassen hat: Es floss in Waffenproduktionen, in die Auffüllung von Beständen, in Ausbildung und Aufklärung sowie in die Kosten dafür, zusätzliche amerikanische Truppen in Europa zu parken. Rund 60 Prozent des Gesamtpakets werden in den Vereinigten Staaten ausgegeben.
Kauft westliche Waren, die sie selbst nie herstellen konnte.
Offshore-Tresor
Russische Eliten
Parken Kapital in westlichen Fonds. Kaufen damit westliche Waren.
Was nicht vorkommt: ihre eigenen neuen Fabriken im Schnee.
Hilfsgelder und Elitenkapital fließen ab. Westliche Waren kommen zurück. Die Fabriken bleiben ungebaut.
Was in Kiew tatsächlich als Geld ankommt, reicht, um das Licht anzulassen und den Krieg am Laufen zu halten. Den Übersichten der Kyiv School of Economics zufolge deckten Zuschüsse zuletzt 15 bis 23 Prozent der Einnahmen des Staatshaushalts – genug, um den Großteil der Finanzierungslücke zu schließen, sobald die heimischen Steuereinnahmen ausgeschöpft sind. Verteidigung und Sicherheit haben 40 Prozent des BIP oder mehr verschlungen. Ohne die Zuschüsse klafft ein gewaltiges Loch. Das ist Kriegsarithmetik, es ist aber auch ein verlässliches, immer wieder gefülltes Auftragsbuch für westliche Produzenten und Fabrikanten, die wissen, dass ihre Rechnungen beglichen werden.
In der Ukraine selbst versickert tatsächlich Geld, wenn auch nicht unbedingt im Ausmaß der lautesten Schätzungen. Nach Recherchen der New York Times zu unveröffentlichten Prüfberichten gingen allein 2024 rund 1,2 Milliarden Dollar durch Betrug, Verschwendung und Misswirtschaft in der Rüstungsbeschaffung verloren: Verträge liefen mit Firmen weiter, gegen die bereits ermittelt wurde, es wurde systematisch zu viel bezahlt, mangelhafte Munition erreichte nie die Front. Das ukrainische Antikorruptionsbüro NABU verfolgt seit 2022 Fälle mit einem geschätzten Gesamtschaden in Milliardenhöhe. Auch unleugbare Machenschaften im Energiesektor, wo Vertraute der heutigen Führung verwickelt sind, gibt es reichlich. Weiter gefasste Einschätzungen von Analysten, wonach insgesamt 15 bis 30 Prozent der Gesamthilfen in der Ukraine versickern, bleiben eher vage Behauptungen.
Ein Teil des Geldes kreist auch über private Hände zurück. Spaniens Notare verzeichneten zwischen 2022 und 2025 rund 14.400 Wohnimmobilienkäufe durch ukrainische Staatsbürger, im geschätzten Wert von 1,8 bis 1,9 Milliarden Euro. Im selben Zeitraum sagte Spanien der Ukraine rund 2,5 Milliarden Euro an Hilfen zu. Viele der Käufer sind Ukrainer, die inzwischen in Spanien leben – doch die Symmetrie ist kaum zu übersehen: Auch Madrid schickt Hilfe nach Osten, ukrainisches Kapital kommt gleichsam zurück, um spanische Immobilien zu kaufen. Frankreich hat den Kreislauf noch enger gezogen. Über einen Unterstützungsfonds von 200 Millionen Euro erstattet Paris der Ukraine die Waffen, die sie bei französischen Firmen kauft: Kiew bezahlt, legt die Rechnung vor und bekommt sein Geld zurück – so geschehen bei 11.000 Granaten vom Kaliber 155 Millimeter samt Ersatzteilen von Nexter und bei einem Flugabwehrradar von Thales. Das Geld verlässt Paris, macht einen Umweg über Kiew und landet in französischen Auftragsbüchern. Entsprechend wächst die Branche: Ein Munitionswerk im Loiret soll seine Produktion von 20.000 Schuss im Jahr 2023 auf mehr als 80.000 im Jahr 2026 steigern, KNDS hat eine ukrainische Tochtergesellschaft gegründet, während Thales ein Gemeinschaftsunternehmen mit ukrainischen Partnern vereinbart hat.
Deutschland und die Europäische Union insgesamt haben sich dem Kreislauf mit besonderer Begeisterung angeschlossen. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz unterzeichneten im Februar 2026 private ukrainische Rüstungshersteller eine Reihe von Joint Ventures mit deutschen Partnern – allen voran Start-ups aus dem Münchner Raum und etablierte Drohnenhersteller –, um Aufklärungsdrohnen, KI-gesteuerte Angriffssysteme und unbemannte Bodenfahrzeuge auf deutschem Boden zu bauen. Im weiteren Speckgürtel Münchens laufen seither Tausende kampferprobter ukrainischer Modelle vom Band, zu einem großen Teil finanziert aus deutschen und EU-Mitteln im Rahmen von Initiativen wie „Build with Ukraine“.
Verkauft wird das Ganze als industrielle Solidarität und Technologietransfer. In der Praxis ist es ein verlässliches Auftragsbuch: Ukrainische Kriegserfahrung und ukrainische Konstruktionen werden mit deutscher und französischer Fertigungskapazität und Steuergeld hochskaliert, anschließend an die Front zurückgeliefert. Münchens Rüstungstech-Cluster wächst, deutsche und französische Fabriken sind ausgelastet. Die eigentliche Abhängigkeit bleibt bestehen, der Kreislauf bekommt lediglich einen bayerischen Akzent.
Kapitalflucht als russischer Nationalsport
Russlands Elitenkapital nutzt westliche Märkte seit Jahrzehnten als Offshore-Tresor. Die kumulierten Abflüsse aus dem Privatsektor unter Putin werden auf mehrere Hundert Milliarden bis weit über eine Billion Dollar geschätzt. Abramowitschs Rückgriff auf Concord Management, um Beträge von mehreren Milliarden Dollar bei großen US-Hedgefonds unterzubringen, ist ein gut dokumentiertes Beispiel; die Vermögenswerte wurden später eingefroren, gegen den Berater gingen Aufsichtsbehörden vor. Als Elon Musks Plattformunternehmen X im Herbst 2026 seine Investoren offenlegte, tauchte ein 8VC-Fonds auf der Liste auf – jener Fonds, bei dem Söhne russischer Milliardäre beschäftigt sind oder waren.
Was folgte, war eine unter Druck erzwungene Bewegung in beide Richtungen. Frühe Berichte nach 2022 schilderten, wie reiche Russen Vermögen in der Größenordnung von 50 Milliarden Dollar zurückholten oder ihre Firmen umsiedelten, als westliche Dienstleister die Schrauben anzogen. Spätere Berichte zeigen, dass erneut zig Milliarden ins Ausland abwandern – über Krypto, Gold und Immobilien am Golf –, weil im Inland die Gefahr von Beschlagnahmen gestiegen ist. Das Muster ist kein raffiniertes Abschöpfungssystem, das über amerikanische Fondspositionen läuft. Es ist ein politökonomisches System, das es nicht geschafft hat, Territorium, Rohstoffe und Humankapital in breiten Wohlstand im eigenen Land zu verwandeln – also sucht das Kapital den Ausgang oder wird mit politischen Mitteln zurückgezerrt. Selbst das russische Geld, das in Europa eingefroren bleibt, landet im Kreislauf: 2024 sorgte die EU dafür, dass 300 Millionen Euro aus den Erträgen immobilisierter russischer Vermögenswerte in schnelle Käufe bei der französischen Industrie flossen. Das französische Verteidigungsministerium begrüßte dies als Chance, „die Produktion weiter hochzufahren“. 2025 kamen weitere 195 Millionen Euro für Granaten und Gleitbomben hinzu. Die Zinsen aus denselben Vermögenswerten bezahlen inzwischen KNDS für die Wartung der französischen Caesar-Geschütze in der Ukraine.
Russland zählt rund 143 bis 144 Millionen Einwohner auf der größten Landmasse der Welt. Die Bevölkerungsdichte ist gering. Hightech-Städte im Schnee entstehen nicht einfach dadurch, dass man moderne Technik nur anwendet; dafür braucht es Kapitallenkung, Rechtsstaatlichkeit, Humankapital und politische Entscheidungen, die eine russische Regierung nach der anderen nicht getroffen hat. Das Land ist riesig, doch seine Verwandlung in eine innovative Volkswirtschaft mit hohen Einkommen hat nie wirklich stattgefunden. Chinas Industrialisierung vollzog sich unter anderen institutionellen und demografischen Voraussetzungen. Russlands Rohstoffrenten und die Konzentration in den Händen der Oligarchen haben ein anderes Ergebnis hervorgebracht: Inseln des Reichtums, eine unter Kriegsdruck nun leistungsfähige Rüstungsindustrie sowie anhaltende Kapitalflucht oder erzwungene Rückführung – weil sich im Ausland offenbar noch immer sehr viel mehr Geld verdienen lässt als in Russland.
Der Kreis schließt sich
Boris Johnsons Ukraine-Besuch im April 2022 gilt einigen als der Moment, in dem westliche Ermunterung zum Weiterkämpfen die Haltung Kiews verhärtete. Johnson selbst nennt die Sabotage-Erzählung russische Propaganda, Selenskyj hält sie für unlogisch. Detaillierte Rekonstruktionen zeigen, dass die Parteien weder die territorialen Fragen noch die genaue Ausgestaltung der Sicherheitsgarantien für die Nachkriegszeit geklärt hatten; für Letztere mochten die westlichen Staaten nicht bürgen. Westliche Regierungschefs zogen den fortgesetzten ukrainischen Widerstand einer frühen Einigung zu den Bedingungen vor, die Moskau anbot – der Krieg ging weiter, ebenso wie der fiskal-ökonomische Stimulations-Kreislauf.
Der weitere Hintergrund ist der Konflikt im Donbass nach 2014. Nach dem Maidan riefen von Russland unterstützte Separatisten in den östlichen Regionen die Unabhängigkeit aus; ukrainische Truppen kämpften darum, die Kontrolle zurückzugewinnen. Der hybride Charakter der Kämpfe ist dokumentiert. Zugleich waren die Kämpfe von 2014 bis 2021 brutal, eine politische Lösung hielt nie, und oligarchische Interessen insbesondere auf ukrainischer Seite erschwerten jede Einigung. Beide Regierungen haben Gründe, die Version zu bevorzugen, in welcher die andere Seite mit dem Konflikt begonnen hat.
Das Geld zirkuliert derweil weiter. Westliche Steuerzahler finanzieren ukrainische Käufe westlicher Waren. Russische Eliten schleusen im Westen angelegtes Kapital in weitere westliche Käufe und umgehen dabei die zahlreichen gegen sie verhängten Sanktionen über Drittstaaten. Keine der beiden Seiten hat bis jetzt wirklich eine eigene industrielle und technologische Basis aufgebaut, die den Kreislauf überflüssig machen würde. Der Krieg liefert die Rechtfertigung, der endlose Kreislauf die Kunden.
Globale Kapitalströme kennen keine Grenzen, und eine Million Tote in einem Krieg – oder mehr – sind ihnen gleichgültig. Westliches Kapital und Wirtschaftskraft – samt jener ihrer Dirigenten – müssen unbedingt weiter vermehrt werden, und sei es durch kaltblütigen Massenmord.
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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.
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