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Der Prozess
Über eine Wirecard-Gefangenenfreigabe und Franz Kafkas unvollendete Werke
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Der Prozess

Der berühmte Schriftsteller Franz Kafka war nicht besonders angetan von seiner regulären Arbeitstätigkeit im halbstaatlichen Justizbereich. Vielleicht war es das ständige Schreiben von Vorschriften oder die Vorbereitung von rechtlichen Anleitungen, was ihn davon abhielt, sein Buch Der Prozess zu beenden. 1915 schrieb Kafka über sein posthum veröffentlichtes Werk: "Ich kann nicht mehr schreiben. Ich habe eine endgültige Grenze erreicht, vor der ich vielleicht jahrelang sitzen muss, nur um eine neue, unvollendete Geschichte zu beginnen".

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Es scheint, als ob in den ersten Februartagen des Jahres 2024 Teile des Landgerichts München zusammen mit der Staatsanwaltschaft und einigen Gefängnisoberen Kafkas "Der Prozess" den letzten Schliff gegeben haben. Am 5. Februar 2024 entschieden drei Wirecard-Richter zusammen mit Mitgliedern der Staatsanwaltschaft München, Oliver Bellenhaus - den Gegenspieler des ehemaligen Wirecard-Vorstandsvorsitzenden Dr. Markus Braun - aus dessen permanenter Inhaftierung freizulassen.

Beobachter des Wirecard-Prozesses waren ziemlich fassungslos und verwundert und fragten sich, warum ein solcher Deal zu diesem Zeitpunkt nach fast einem Jahr Gerichtsverhandlungen und Zeugenaussagen plötzlich ausgehandelt wurde. Die Antwort kam auf kafkaeske Weise zwei Tage später, als Bellenhaus am 7. Februar 2024 bereits frei im und um Saal 1 des Münchner Stadelheim-Gerichtsgebäude herumlief.

Gleich zu Beginn der Verhandlung an diesem Tag hatte die Verteidigung von Dr. Braun einen Antrag an das Gericht gestellt und um Verlesung des gut zehnseitigen Dokuments gebeten. Dies wurde vom Gericht abgelehnt, das zuvor die Verhandlung für ca. 5 Minuten unterbrochen hatte und dann beschloss, den gesamten Antrag niederzuschmettern. Die Vernehmung der Zeugin Dr. Anastasiya Lauterbach, ehemalige Wirecard-Aufsichtsratsmitglied, wurde fortgesetzt.

Das ist eine gute Idee, Herr Bellenhaus, dann sparen wir uns viel Zeit nächste Woche.


Der vorsitzende Wirecard Richter auf die Anfrage von Oliver Bellenhaus, nur die Antworten des Fragenkatalogs zu verlesen, der ihm ein gutes Jahr zuvor vorgelegt wurde

Dr. Brauns Verteidiger waren bereits nach Ablehnung des Antrages aufgebracht, was sich dann nach dem Ende der Aussagen von Dr. Lauterbach am späten Nachmittag zu einem regelrechten verbalen Krieg ausweitete. Das Gericht weigerte sich später erneut, des Anwalts Antrag auf Absetzung von zwei Wirecard-Ergänzungsrichtern wegen Befangenheit - da zwei Tage zuvor hinter verschlossenen Türen ein merkwürdiger Deal zur Haftentlassung von Oliver Bellenhaus abgeschlossen wurde - vorlesen zu lassen.

Insider müssten dem Antrag zumindest teilweise zugestimmt haben, denn hinter der Entlassung von Oliver Bellenhaus stehen einige Fragezeichen. So musste dieser eigentlich nie seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse gegenüber Gericht und Staatsanwaltschaft offenlegen, damit diese Informationen an den Wirecard-Insolvenzverwalter Jaffe weitergeben werden. Offenbar hat Jaffe ebenso niemals wirklich erwogen, die Gerichte und Staatsanwaltschaft dazu aufzufordern, während die beiden anderen Angeklagten, Dr. Braun und von Erffa, so ziemlich jeden einzelnen Pfennig darlegen mussten.

Es gibt noch mehr Auffälliges, wenn man bedenkt, was in der damals folgenden Woche, am 14. Februar 2024 - Valentinstag und Aschermittwoch zugleich in Deutschland - passieren würde. Das Gericht hatte erst jetzt, nach mehr als einem vollen Kalenderjahr Verfahrensführung und als Originator der von den Massenmedien
Der Höhepunkt ereignete sich wohl, als Bellenhaus das Gericht persönlich anfragte, ob es nicht eine gute Idee wäre, seine sorgfältig vorbereiteten, 365 Tage lang ausgearbeiteten Antworten nächste Woche einfach zu verlesen und die vielen pikanten Fragen einfach wegzulassen.
weltweit verbreiteten Nachricht über die Bellenhaus-Häftlingsentlassung, endlich denselben entlassenen ehemaligen Häftling Bellenhaus aufgefordert, einen durchaus als skandalös zu bezeichnenden Fragenkatalog zu beantworten, den die Verteidigerteams von Dr. Braun und von Erffa vor gut einem Jahr zusammengestellt hatten.

Der Höhepunkt der gesamten Angelegenheit ereignete sich wohl ebenso an diesem 7. Februar 2024 abends, als Oliver Bellenhaus das Gericht persönlich anfragte, ob es nicht eine gute Idee wäre, seine sorgfältig vorbereiteten, 365 Tage lang ausgearbeiteten Antworten nächste Woche einfach zu verlesen und die vielen pikanten Fragen, die ein gutes Jahr zuvor eingereicht wurden, einfach wegzulassen. Der Richter stimmt sofort zu und teilte mit, Zitat: "Das ist eine gute Idee, Herr Bellenhaus, dann sparen wir uns viel Zeit nächste Woche".

Dr. Brauns Anwalt ist verständlicherweise verärgert, er erklärt, dass die Art und Weise, wie der Richter diesen Prozess führt, "ein Skandal" sei, und dass das Gericht "nicht will, dass die Öffentlichkeit erfährt, was in diesem Prozess wirklich passiert". Als der Anwalt dann noch auf die plötzliche und aus seiner Sicht skandalöse Haftentlassung von Herrn Bellenhaus von vor drei Tagen hinweist, unterbricht der Richter ihn sofort mit, Zitat, "das ist etwas, was nicht Ihren Mandanten, sondern nur Herrn Bellenhaus betrifft".

Der Anwalt von Dr. Braun ist nun sichtlich wütend und laut. Sogleich springt dann aber der leitende Staatsanwalt auf der Gegenseite hinzu und beginnt, noch lauter in diffusen Verbalattacken auf den Anwalt in das Gerichtsmikrofon zu brüllen.


Durchaus in als kafkaes zu bezeichnender Weise.








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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.


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