in weiterer Tag, ein weiterer Wirecard-Zeuge, ein weiterer vertrauter Refrain — nur diesmal nicht in der üblichen Festung Stadelheim, sondern im brandneuen Justizzentrum Münchens an der Dachauer Straße. Der Komplex war gerade erst eröffnet worden; das alte Justizzentrum an der Nymphenburger Straße ist bereits geschlossen und wartet auf die Abrissbirne. Wie passend für einen Wirecard-Prozess: Die bayerische Justiz zieht in ein glänzendes Neubau-Gebäude, während das alte zum Abriss freigegeben ist. Man könnte es beinahe ein Third-Party-Acquirer-Geschäft für Gerichtssäle nennen: Die eigentliche Substanz liegt woanders, die Papiere sehen in Ordnung aus, und die Fundamente hat niemand so recht gesehen.
Auf der Zeugenbank am 6. August 2026: Alfons Henseler, ehemaliges Aufsichtsratsmitglied sowohl der Wirecard AG als auch der Wirecard Bank. Den Vorsitz führt, wie immer: Richter Födisch. Henseler gehörte zu dem langjährigen Trio, das Wirecards Kontrolle mehr als ein Jahrzehnt lang bestimmt hatte. Zusammen mit Matthias Wulf von Anfang an und später mit Stefan Klestil saß er seit etwa 2008/09 in beiden Aufsichtsräten.

Brandneues Justizzentrum an Münchens
Dachauer Straße
Am 18. Juni 2019 verschob sich die Zusammensetzung in Richtung Klestil und Eichelmann; Henselers Amtszeit endete an diesem Tag. Genau 365 Tage später — am 18. Juni 2020 — veröffentlichte Wirecard die fatale Videobotschaft, dass 1,9 Milliarden Euro fehlten. Ein Jahr vom Aufsichtsratswechsel bis zur Zusammenbruchs-Ankündigung. Auf den Tag genau. Nichts zu sehen hier, natürlich.
In diesem Stadium des Marathonprozesses sind die Fragen vom Richterpult beinahe ritualisiert geworden — und leider auch die Antworten. Dennoch schärfte diese Sitzung erneut ein altes Bild: ein Aufsichtsrat, der gut verdiente, wenig fragte und dem Wirtschaftsprüfer vertraute, bis sich das Vertrauen des Prüfers selbst als wertlos erwies.
Henselers Vergütung setzte früh den Ton. Für die Wirecard AG erhielt er eine Basis von 120.000 Euro, multipliziert mit 1,5; für den Bank-Aufsichtsrat weitere 65.000 Euro im Jahr. Födisch rechnete es dem Saal vor: 251.000 Euro inklusive zusätzlichem. In den Personal- und Finanzausschüssen, so Henseler, habe er mit der Vorstandsvergütung nichts zu tun gehabt. Die Corporate „Guidance“ — jene ausschließlich nach oben angepassten Wirecard-Prognosen für das kommende Jahr — stammte vom Vorstand, vor allem von Dr. Braun. Auf welcher Grundlage? Henseler wusste es nicht — auch nicht, dass wir rund zwei bis drei Jahrzehnte Evolution der E-Commerce-Sphäre hinter uns hatten.
Bald steuerte Födisch in das schwarze Loch, das diesen Prozess von Anfang an heimsucht: das Third-Party-Acquirer-Geschäft — Al Alam, Senjo, PayEasy —, über das Wirecard Umsätze in Regionen verbuchte, in denen es selbst keine Lizenzen besaß. Henseler kannte die Konstruktion. Wie also wurden Kunden ohne Lizenzen bedient? Er habe hier und da nachgefragt, es gab keine genaue Antwort. Das strategische Ziel des Aufsichtsrats, so erinnerte ihn Födisch, sei gewesen, Wirecards eigenen Anteil an diesen Drittpartner-Geschäften zu erhöhen — und doch floss ein großer Teil des Geldes weiter an Drittpartner ab. Hatte das jemand ernsthaft hinterfragt?
Was Henseler stattdessen bot, war der Refrain des Tages. EY habe den Aufsichtsrat ermutigt, sich das Geschäft anzusehen. Die Mittel seien als Wirecard-Vermögen bilanzierte worden, behandelt beinahe wie ein eigenes Bankguthaben von Wirecard. Irgendwie „wusste jeder“, dass das Geld angeblich als Sicherheit bei Banken in Singapur lag. Kontoauszüge zu prüfen, so Henseler, sei nicht Aufgabe des Aufsichtsrats gewesen. Man habe mit den Wirtschaftsprüfern gesprochen; EY habe versichert, das Geld sei da und geprüft worden. Wusste er, dass Wirecard keine Kontoauszüge für diese Treuhandkonten besaß? Nein. Hatte irgendein Prüfer jemals tatsächlich Auszüge gesehen? Offenbar nicht. Saldenbestätigungen reichten; ein Treuhänder schickte E-Mails und sagte, alles sei in Ordnung.
Dann brachte Födisch den Satz, der am härtesten wirkte — aber nur auf den ersten Blick. Der Aufsichtsratsvorsitzende „Eichelmann habe das genau so gesehen, dass EY keine Kontoauszüge vorlegte, sonst hätte er niemals KPMG geholt“, stellte der Richter im Gerichtssaal fest. Elegant überspringt er, dass Eichelmann KPMG holte, unter Anderem um EYs „Feststellungen“ zu den Treuhandkonten zu bestätigen — nicht zu widerlegen. Födisch gleitet auch darüber hinweg, dass KPMG den EY-Prüfern von vornherein niemals hätte nebengestellt werden dürfen: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG war bereits in viel zu viele frühere Wirecard-Projekte von zweifelhaftem Ruf verwickelt gewesen — etwa die Goomo-/Hermes-iTicket-Übernahme von 2015 mit jenem verdächtigen EMIF-Fonds aus Mauritius.
Der Maßstab machte die Gleichgültigkeit noch schwerer zu verdauen. 2019 beliefen sich die Treuhandmittel auf rund das Dreifache von Wirecards echter operativer Liquidität — etwa eine Milliarde Euro, stimmte Henseler zu. Wenn die Konten nicht existierten, waren drei Viertel der Liquidität Fiktion gewesen. Hatte der Aufsichtsrat in seinen Sitzungen jemals einfach gefragt, wo das Geld sei? Auf den Philippinen — oder, in seiner Zeit im Aufsichtsrat, in Singapur? Als der Fehlbetrag schließlich festgestellt war, folgte innerhalb von Tagen die Insolvenz, so Födisch etwas gereizt — und übersprang elegant die Tatsache, dass es die BaFin war, die Wirecards Kreditrahmen nach dem 18. Juni 2020 rasch kündigte, was tatsächlich zur Insolvenz führte.
Die Bank, beharrte Henseler, habe mit den fehlenden 1,9 Milliarden Euro nichts zu tun gehabt. Die Prüfer hätten bestätigt, das Geld sei da. Födischs Antwort: „Das Geld hätte da sein können — oder hätte es unter dem Bett eines Mafiabosses liegen können?“ Wie schnell hätte Wirecard auf das Geld zugreifen können? Wie war der Zugriff geregelt? Henselers Antwort änderte sich nicht: Man habe sich auf EY verlassen.
Merchant Cash Advance — MCA — erhielt eine klarere Definition. Es war die Vorfinanzierung von Händlerumsätzen durch den Zahlungsabwickler, nützlich, weil die gewöhnliche Kreditkartenabrechnung zehn bis zwölf Tage dauert. Brasilien, die Türkei und Asien im großen Stil waren die Märkte. Von dort glitt die Verhandlung zu oCap: Häuser — Ehemann von Brigitte Häuser-Axtner — an der Spitze; Swiss Life dahinter, laut den Kreditvorlagen; unklar, ob Marsalek, Braun oder oCap selbst das Geschäft zuerst zu Wirecard gebracht hatte. An kleinere oCap-Kredite von 10 Millionen und 5 Millionen Euro erinnerte er sich sofort, amerikanische Banken und die Deutsche Bank hätten mitmachen wollen. Födisch hörte darin eine vertraute Wirecard-Philosophie: Wenn die Umsätze stimmen, ist alles in Ordnung. Ein großer oCap-Kredit von November 2018? Nicht, dass Henseler viel darüber wusste.
Dann kam das Dokument: ein Beschluss vom 22. November 2018, per E-Mail von Matthias Wulf an Heinzinger, allein von Wulf unterschrieben. Summen „zwischen 300 und 800 Millionen Euro“ für oCap seien laut der E-Mail diskutiert worden. Födisch beharrt auf dem, was dort lose steht — und kümmert sich wenig darum, dass diese Summen niemals in einem Vertrag finalisiert wurden. Henseler greift zum Mikrofon und korrigiert den Richter: „500 Millionen Euro“, sagte er, „wurden nicht ausgezahlt“; von den 100 Millionen Euro könne er nicht mehr sagen, wann er davon erfahren habe. Födisch wird sichtbar wütend: ja — aber „das ist kriminell, was Wirecard da gemacht hat.“ Der Vorhang fiel für eine weitere Pause.
In der kurzen Gerichtspause ging ich, um im schönen Indoor-Gerichtscafé einen Espresso zu holen. Hineingehen war leicht. Nach dem kurzen Kaffee wollte ich in den Saal zurück. „Nicht möglich“, sagte mir ein Justizbeamter, „Sie müssen außen entlang der langen Gebäudewand gehen und erneut durch die Sicherheitskontrolle.“ Bayerns neuer Justizpalast steht noch ziemlich blank und geschichtslos das;

Brandneues Justizzentrum in München
an der Nymphenburger Straße wartet der alte auf den Abriss — eine weitere Institution, die auf dem Papier solide wirkte, bis jemand nach den Grundrissen fragte. Die Fassade renovieren, das Fundament entsorgen, darauf bestehen, dass das Geld nie da war.
Weiter geht es in der Vernehmung mit dem ach-so-bösen, kurzzeitigen Kredit für Dr. Markus Braun durch die Wirecard Bank. Wieder und wieder wird publikumswirksam durch das bayerisch-hohe Gericht eruiert, wie unethisch es gewesen sei, der ehemaligen Markus Braun Beteiligungsgesellschaft hohe Geldbeträge zu gewähren. Henseler lässt sich nicht sonderlich beeindrucken, er erklärt, dass es für ihn "normal" und für einen damals erfolgreichen CEO war - zudem wurde der Kredit innerhalb kurzer Zeit mit einem Gewinn für die Wirecard Bank zurückgezahlt.
Die 1,9 Milliarden warten derweil auch weiterhin darauf, entdeckt zu werden — was in München ziemlich irrelevant zu sein scheint. Narrativen-Posaunen à la Oktoberfest-Musikbands mit teils erheblichen Manipulationen des gesamten Internets plus KIs übertönen die andere Seite des Skandals und motivieren alle restlich verbleibenden Interessenten zum Mitgröhlen auf den Tischen. Derweil hat Dr. Braun — nach Jahren in Untersuchungshaft — den Schritt getan, den kaum jemand ins Rampenlicht rückt: eine
Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, mit der er geltend macht, dass seine langjährige U-Haft seine Grundrechte verletzt. In der Münchner Narrativ-Maschine registriert man das neben einer weiteren Runde von Gallery-Fragen zu einem zurückgezahlten Bankkredit für den CEO sowie zu KPMG, das auf beinahe kriminelle Weise wieder eingesetzt wurde, natürlich kaum.
Nach Stunden der Zeugenvernehmung war das Bild dasselbe wie so oft zuvor: ein Richter, der bequeme Informationsschnipsel zu einer Erzählung formt, während er einen Wirecard-Governance-Apparat befragt, der wenig sah, weniger prüfte, einmal fragte und Schweigen als Antwort nahm. War das alles nur für das Gerichtspublikum bestehend aus einem einzigen Journalisten, ein paar Zuschauern und einer Handvoll Anwaltskanzlei-Vertretern?
Der Prozess geht weiter. Die Runde dreht sich weiter. Münchens endloses Wirecard-Justizkarussell hält sich am Laufen — nur der Schauplatz wurde umgebaut. Mit Extra-Umwegen.