In manchen Wahlbezirken Ostdeutschlands knackt die AfD bei Umfragen die 70-Prozent-Marke. Solche Zahlen liest man nicht alle Tage – außer vielleicht in den Memos überbesorgter Verfassungsschützer oder in den euphorischen Pressemitteilungen der Partei selbst. Es ist ein Phänomen, das sich nicht mehr wegdiskutieren lässt: Während die etablierten Partein sich in fast schon banden-ähnlichen politischen Cluster abschotten und weiter mit verbalen Messerstichen hantieren, wächst im Hintergrund eine Kraft, die den Diskurs in der Gesellschaft nachhaltig verändert – und manchmal nicht unmittelbar nur zum Besseren.
Dabei bekommt die AfD unerwartete Schützenhilfe von Stimmen aus dem Ausland, die in ihr teils die „einzige Rettung für Deutschland“ sehen. Ein besonders kurioses Beispiel lieferte kürzlich der US-Colonel a.D. Douglas MacGregor. Er empfahl den Deutschen, doch einfach mal das „Trauma des zweiten Weltkrieges“ zu vergessen, da sie ja „nicht für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich“ seien. Dieses Trauma, so seine steile These, führe zu einer kollektiven Selbstverleugnung und treibe das Land an die Wand. Eine gewagte Geschichtsinterpretation, die in einigen deutschen Wohnzimmern sicher für mehr, in anderen für weniger Stirnrunzeln sorgt.
Colonel Douglas MacGregor auf X
Doch während solche kontroversen Statements Schlagzeilen machen, wird der eigentliche, fundamentale Sachverhalt erstaunlich selten thematisiert: die katastrophale demographische Entwicklung Deutschlands. Schaut man sich die aktuellen Bevölkerungsprognosen ohne Migrationszuwachs an, zeichnet sich ein düsteres Bild ab. Die Geburtenraten sinken seit langer Zeit, die Gesellschaft überaltert massiv – und ohne Gegenmaßnahmen steht Deutschland ein beispielloser Schrumpfungsprozess nicht nur bevor, sondern in welchem man sich bereits befindet.
Was sich hinter dem neutral klingenden Begriff „demographische Entwicklung“ verbirgt, ist den meisten nicht so recht bewusst. Das beschriebene Szenario bedeutet nichts Geringeres als den flächendeckenden Niedergang der gesamten sozio-ökonomischen Sphäre. Der Super-GAU sozusagen auch und besonders für jeden Politiker, egal in welchem Kreis- oder Bundesparlament man sitzt und Entscheidungen für seine Mitbürger fällen soll. Ganze Landstriche würden ohne massive Zuwanderung nämlich buchstäblich verarmen und aussterben.
Demographische Entwicklung der deutschen Bevölkerung ohne Massenimmigration, projeziert in das Jahr 2088
Es ist egal, welche Methoden man anwendet, um dies abzufedern: Ohne Zuzug von Menschen, die wieder Häuser, Wohnungen, Büros und Werkstätten beziehen, würde die gesamte soziale und besonders ökonomische Sphäre für ein bis zwei Jahrzehnte massiv herunterfahren. Umsätze, Profite, Vermögen, Grundstücke, Gebäude, Mietverträge, Renditen – fast alles würde massiv an Wert verlieren. Überall und für viele Jahre, bis sich die Geburtenzahlen vielleicht in einer oder zwei Generationen wieder erholen. Dieses apokalyptische Szenario ist den meisten nicht bewusst, wenn sie politische Heilsversprechen einer angeblichen „Rettung“ durch meist konservative Parteien hören, die von ausländischen Milliardären und Experten bejubelt werden.
Deutschland steckt jedoch in einer doppelten Trauma-Zwangsjacke, die das Land lähmt und mit welcher politische Parteien die deutsche Gesellschaft in einem starren Korsett halten. Neben dem Holocaust ist dies das Trauma der Hyperinflation von 1923, welches eng verbunden ist mit der heutigen demographischen Realität. Damals druckte die Reichsbank endlos Banknoten und flutete die Wirtschaft mit Geld, was dazu führte, dass man für ein paar Tomaten eine Schubkarre voller Banknoten brauchte. Dieses Trauma lastet bis heute auf vielen anachronistischen Ökonomen und Wirtschaftsberatern – geformt in deutschen Universitäten, die den Puls der Zeit vor etwa 50 Jahren verloren zu haben scheinen.
Technologie – der Erzfeind vieler europäischer Ökonomen und Intellektueller – hat in der jüngeren Vergangeneheit enorme Produktivitätszuwächse ermöglicht. Viele Märkte haben sich komplett verändert, auch wenn Schlüsselprodukte wie Energie z.B. in Deutschland weiter alten Mustern folgen müssen. Bei Produkten für Endverbraucher kommt heute kein Supermarkt-Manager Deutschlands mehr auf die Idee, Preise massiv zu erhöhen - um damit den Startschuss für eine post-moderne Inflations-Kette in Gang zu setzen - nur weil kurz vor Ladenschluss nur noch wenige Tomaten übrig sind. Stattdessen versucht man, schnell und zumeist erfolgreich heutzutage, ohne sonderliche Preiserhöhungen Nachschub zu organisieren. Die jahrelange, anachronistische Fiskalpolitik fast jeder deutschen Bundesregierung wurde von hyperinflations-traumata-besessenen Ökonomen regelrecht hirngewaschen. Sie ist über Jahrzehnte zu einem Instrument flächendeckender Verarmung Deutschlands geworden, bei gleichzeitig relativ einfacher Wertmehrung bei jenen, die bereits länger im Besitz von Kapital sind.
Diese Fiskalpolitik trug auch dazu bei, die Gesellschaft vor Jahrzehnten davon zu überzeugen, massiv Frauen in den Arbeitsprozess zu integrieren, anstatt eine halbwegs gesunde demographische Entwicklung zu fördern. Bei einer bewusst knappen, überregulierten Fiskalpolitik mit unverhältnismäßigen Anforderungen der Banken an Kreditnehmer konnte man den Menschen gut vermitteln, dass Frauen in einem Umfeld von geringen Geldmitteln besser dem steuerlichen Wohl des Staates dienen sollten als einzelnen Familien - oder gar mit Kindern den demographischen Basiserhalt der Gesellschaft zu ermöglichen. Die Politik hat zudem jahrzehntelang versäumt, Frauen die Erziehungs- und Familienzeit angemessen auf die Rente anzurechnen.
Nicht sonderlich besser hat man das Problemkind Feminismus in der Arbeits- und Geschäftswelt angegangen. Seit der Erfindung der Anti-Baby-Pille in den 1960er Jahren wurden immer extremere Maßnahmen zur Hyper-Individualisierung insbesondere von Frauen unternommen. Den Gipfel scheint man dabei um das Jahr 2017 erreicht zu haben, als Larry Fink, CEO des globalumspannenden Rieseninvestors BlackRock, öffentlich erklärte, dass, Zitat, „Frauen die nächste Klasse” des Schwerpunkts der Corporate-Welt seien. Das dramatische Resultat ist eine demographische Entwicklung, die ohne massive Zuwanderung einem Super-GAU gleichkommt. Sie ist politisch verantwortet und gesellschaftlich-schleichend über Jahrzehnte fabriziert worden.
Das Verhalten muss sich ändern, und genau das [D.E.I.] ist es, was wir von den Unternehmen verlangen. Man muss Verhaltensänderungen erzwingen – bei BlackRock tun wir genau das. 54 Prozent der neuen Klasse an Mitarbeitern sind Frauen. Wir haben in diesem Jahr vier weitere Prozentpunkte in Bezug auf die Vielfalt in der Belegschaft hinzugewonnen. Was wir intern tun, um diese Wirkung zu erzielen: Ihre Vergütung könnte davon betroffen sein, okay? Man muss Verhaltensweisen erzwingen. Und wenn man Verhaltensweisen nicht erzwingt, sei es in Bezug auf Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit oder die Zusammensetzung des Teams, wird man die Konsequenzen zu spüren bekommen.
BlackRock CEO Larry Fink in
einem Statement von November 2017
Weitere deutsch-spezifische Eigenheiten sind seine starren Regeln. Länder wie Japan und Deutschland sind extrem dicht besiedelt: Auf wenig Raum leben viele Menschen. Eine solche Gesellschaft braucht striktere Regeln, um zu funktionieren. Dies steht im Konflikt mit den aktuellen Umbrüchen durch moderne Technologien, die völlig neue Formen des Daseins aufzeigen: von moderner KI über Roboter bis hin zu Nanotechnologie. Der jahrtausendealte, kollektiv-verankerte Machtanspruch von Eloquenz und menschlichem Geist wird durch neue Technologien gerade vom Thron gestoßen und fordert nun ein Überdenken von jahrtausendalten Regeln und gewohnten Verhaltensmustern. Genau damit aber tun sich die Deutschen nicht nur schwer.
Europa und besonders Deutschland haben diese neuen Anforderungen weitgehend durch unerträgliche Arroganz, Überheblichkeit und als abartig zu bezeichnende Ignoranz verschlafen. Die politischen und gesellschaftlichen Eliten wirken oft wie erstarrt vor Schock und klammern sich mit erbärmlichen und reflektionslosen Methoden an erodierende Machtpositionen, die durch technologische Entwicklungen nur noch weiter untergraben werden. Eine tsunamihafte Auslöschung eines als anachronistisch zu bezeichnenden, europäischen Führungsanspruchs zeichnet sich ab – man denke hier auch an
bestimmte deutsche Talkshows, die regelmäßig die intellektuelle Erbärmlichkeit der Debatte offenbaren:
Viele versprechen den Menschen in Deutschland nun eine Lösung und eine bessere Alternative, dies mit ausländischer Unterstützung. Remigration sei die Rettung. Fakt ist: Angesichts der hier genannten Fakten kann sie es nicht sein. Bereits bei Giorgia Meloni in Italien und bei Geert Wilders in den Niederlanden konnte man den Realitätscheck erkennen: Wenige Wochen nach deren Wahl mit dem Versprechen, die Einwanderung zu stoppen, wurde verkündet, ihr jeweiliges Land benötige weiter Massenmigration. Etwas anderes ist auch in Deutschland nicht zu erwarten. Eine radikale Remigrationspolitik würde das Land in den ökonomischen und sozialen Niedergang und Ruin treiben – jahrzehntelang, bis sich die demographische Entwicklung eventuell wieder normalisieren könnte.
Die Immigrations-Leugner mögen laut sein, aber die Demographie rechnet leise und unerbittlich – und ihre Zahlen lassen sich nicht wegpolitisieren. Die Rettung könnten wieder eine Vielzahl von Kindern sein. Aber eine solch nicht-intellektuelle Lösung erwirkt natürlich keine hochdotierten Professoren-, Medien- und Beraterstellen.
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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.