In München steht ein Caritas-Haus, da gehen Jugendliche ein und aus. Bisher jedenfalls, denn im Frühjahr 2025 entschied sich der katholische Caritas-Verband in München dazu, ihr Eigentum in unmittelbarer Nähe zur bekannten Gegend an der Augustenstraße Ecke Zieblandstraße zu verkaufen.
Das Wohnhaus ist Heimat und Anlaufstelle für zumeist Jugendliche, die dort - weitgehend unmöglich in dieser Lage in München - günstig unterkommen und wohnen können. Gleichsam beheimatet von Auszubildenden und Studenten bis zu Migrations-Jugendlichen, finden auch zumeist jüngere Menschen mit herausfordernden sozialen Hintergründen seit vielen Jahren dort eine günstige Bleibe in einem idealen sozialen Umfeld der Augustenstraße. Genau dort, wo nach Jahrzehnten ausgeklügelter und hier großartig manifestierter Stadtplanung kleinere Läden von in der Tat unterschiedlichster Art sich ansammeln. Die Gegend ist anziehend und gleichsam authentisch geblieben - ein ideales Umfeld für Jugendliche, die hier einmal eben nicht von abgelegenen Wohnhochhäusern in öden Randbezirken eigentlich einfach nur weg wollen.
Ohne den in München üblichen Schicki-Micki oder einer Zur-Schau-Darstellung von viel Plastik, hat ein kurzer Spaziergang auf und ab der Augustenstraße schon an sich eine beruhigende Wirkung auf Geist und Seele. Vom kleinen Autohändler über ein generationenlang erhaltendes Nähmaschinengeschäft, vom urigen Antiquitätenhändler, schicken kleinen Dönerläden, asiatischen Lebensmittelgeschäften und Imbissen, bis zu wirklich einladenen Cafes mit kleinem Theater im Hinterraum - oder doch eher das mit den Sitzmöbeln aus den 60iger Jahren ?
Das Caritas Wohnheim an der Augustenstraße in München Die technische Universität ist gleich nebenan, wenige Minuten davor gibt es gleich fünf, teils weltbekannte Museen. Hier leben zu dürfen bedeutet, auf geballt-freiläufigem Raum in ein recht breites Spektrum und in eine für München wohl eher unübliche Vielfalt der Welt eintauchen zu dürfen.
Der berühmte christliche Gelehrte und antike Bischof Augustinus, vielleicht ja irgendwie auch ein Namensgeber der Straße, an der das katholische Wohnheim für Jugendliche steht, wäre sicher zufrieden mit der Umgebung seiner Straße 1700 Jahre nach seinem Tod, wäre da nicht der besagte Verkauf des Wohnheims.
Die
Caritas teilte mit, man werde das gesamte Areal unmittelbar an einen Interessenten veräußern und damit zeitnah Millionen Euro einkassieren, sich aber das Mietrecht für drei kommende Jahre sichern. Sprich, die Jugendlichen können bis maximal Mitte 2028 bleiben. Danach wird das Wohnheim mit ziemlicher Sicherheit abgerissen und wohl durch ein modernes und eher kostspieliges Mehrparteien-Wohnhaus ersetzt - der antike Bischof Augustinus wäre über solche Pläne gewiss entsetzt gewesen.
Ob der 1700 Jahre spätere, heutige katholische Bischof von München Kardinal Reinhard Marx über den Verkauf des Wohnheims ebenso entsetzt ist, bleibt derzeit etwas offen. Man prüfe den Verkauf, ließ man aus dem Ordinariat München verkünden. Was das genau bedeutet, bleibt bisher ungewiss. Dabei gäbe es etliche Möglichkeiten für den heutigen Kollegen Marx des antiken Augustinus von damals, in den Verkauf des Areals einzugreifen. Ende der 1970er Jahre bereits wurden umfassende
Grundordnungen des kirchlichen Dienstes beschlossen, die zwar erst 23 Jahre später rechtlich beschlossen wurden, doch seitdem haben lokale Bischöfe umfassende Mitsprache-Rechte bei
etlichen Entscheidungen der Caritas - auch und besonders über diözesane Finanzräte, sowie bei Personalentscheidungen.
Der langjährige,
theologische Schwerpunkt des zuständigen Münchener Bischof Reinhard Kardinal Marx ist zudem die kirchliche Soziallehre. Also genau jene Disziplin, die sich die Frage stellt und sich damit beschäftigt, wie die Kirche in der Welt eigentlich auftreten soll. Seit Jahren wird der Münchener Kardinal nicht müde darauf hinzuweisen, wie sehr sozial benachteiligte Menschen Unterstützung brauchen, er steht für eine angemessene Umverteilung von Geldern von Reichen an ärmere Menschen, dies z.B. auch durch Steuern.
Weiterhin war es der Kardinal aus München selbst, der vor gut 10 Jahren erstmals überhaupt in der moderneren Geschichte der Kirche durchsetzte, die Vermögensbücher des Erzbistums München und Freising entgegen einer langen, kirchlichen Gewohnheit der Verdunkelung ans Licht zu bringen. Dabei kam heraus, dass man
auf einem Gesamtvermögen von ungefähr 6,3 Milliarden (nicht Millionen !) Euro alleine im Erzbistum um München herum sitzt. Das Vermögen ist ein breites Spektrum von Grundstücken und Immobilien, beinhaltete zum Zeitpunkt der Veröffentlichungen in 2015 auch hunderte von Millionen Euro an Aktienvermögen.
Angesichts all dieser Sachverhalte und den ersten öffentlichen Rufen nach einem Erhalt des Wohnheimes darf man gespannt sein, wie man bei der katholischen Diözese in München auf den Verkauf des Caritas-Wohnheims reagieren wird. Es liegt offenbar echte Spannung in der Luft, so hört man.
Vielleicht nicht ganz unähnlich zur Spannung auch im Leben des Heiligen Augustinus, der um das Jahr 380 herum die Bibel im Vergleich zu anderen damaligen Texten zunächst einmal viel zu plump und spröde geschrieben fand. Anstatt sich der christlichen Lehre zu widmen, studierte und
unterrichtete der antike Gelehrte und spätere Bischof für längere Zeit eine philosophische Disziplin, die sich mit der Unterscheidung von Gut und Böse, hell und dunkel, schlecht und gut befasste, bevor er überhaupt in die biblischen Botschaften eintauchte.
Eine nicht ganz unsinnige Reggression, ähnlich wie beim Betrachten des Verkaufs des Caritas-Wohnheimes an der Münchener Augustenstraße, könnte man meinen.
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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.