raußen wartete Europa auf eine Sonnenfinsternis. Drinnen, in Raum D107 des neuen Münchner Justizzentrums an der Dachauer Straße, fiel ein anderer Schatten — nicht auf die Sonne, sondern auf die Geschichte, die München lieber erzählt. Die Zeugin war keine bayerische Staatsanwältin. Susanne Schüler, Oberstaatsanwältin in Koblenz, Rheinland‑Pfalz, führt seit 2024 die Ermittlungen zum PAYONE‑/CE‑Cash‑Netzwerk um Ray Akhavan und dessen Wirecard‑Verflechtungen. Den Vorsitz: Richter Födisch. Auf den Presseplätzen: drei bis vier Journalisten. In der Akte: eine Menge.
Koblenz ist kein Nebenschauplatz. Am 4. November 2025 kündigten die Landeszentralstelle Cybercrime und das
BKA Razzien in neun Ländern an. Kartendaten von Opfern in 193 Staaten. Mehr als 19 Millionen Schein‑Abonnements. Vier große deutsche Zahlungsdienstleister kompromittiert. Schaden im mittleren dreistelligen Millionenbereich. Schüler stand bei jener Wiesbadener Pressekonferenz als verfahrensführende Staatsanwältin, heute saß sie als Zeugin im Münchner Wirecard‑Vorstandsprozess. Je heller die Münchner Erzählung, desto dunkler die Netzwerke, die man ausblendet.
Sie begann mit einem einfachen Mechanismus. Wenn Mastercard‑Schwellen gerissen wurden, wurde es eng — für den Händler und für den Acquirer. Die Antwort in ihrer Akte hieß
Load Balancing: kein IT‑Jargon, sondern die Aufteilung eines Hochrisiko‑Händlers auf viele, damit Chargebacks „unter Kontrolle“ bleiben und niemand abgeschaltet wird. Markus Fuchs, Beschuldigter in
ihrem Koblenzer Verfahren, saß in diesem Modell.
Wer führte das auf Wirecard‑Seite? Der Vertrieb, sagte sie — „one face to the customer“. Ansprechpartnerin war Brigitte Häuser‑Axtner; Fuchs betreute Digital Services; Elbek und Jan Marsalek arbeiteten mit Ray Akhavan. Informationen liefen über Akhavan, Händler sollten online bleiben. Die Compliance‑Websites, die der Wirecard Bank gezeigt wurden, waren Fassaden — Pornoseiten mit Impressum und Beiwerk. Die Wirecard Bank, so ihre Einschätzung, wusste das nicht.

Kreuzung vor dem Münchner Justizzentrum
an der Dachauer Straße am 12. August 2026
Die drei schon.
Dann stellte Födisch die Frage, auf die München gewartet hatte: War einer von
unseren Angeklagten involviert?
„Nein.“ Ein paar vereinzelte E‑Mails mit Bezug zu Bellenhaus, Braun oder von Erffa wolle sie nicht ausschließen. Födisch antwortete rasch: Sie könne nur „nach ihrer eigenen Wahrnehmung hier berichten.“ Das „Nein“ musste natürlich im Raum hängen bleiben — nach dreieinhalb Jahren,
was die Gerichte in München verbockt haben, logisch.
Um Akhavan verdichtete sich das Bild. Der aus dem Iran stammende Hamid „Ray“ Akhavan saß an der Spitze von CE Cash. Nach Akhavans Drogenproblemen rührten sich putschartige Dynamiken in der Organisation; Akhavan mochte das nicht. Er starb im Herbst 2024 an einer Überdosis; Häuser‑Axtner, so Schüler, habe der Tod schwer getroffen. Sein Bruder (im Saal gehört als Andeschi oder Adeschi) neigte eher zum Marketing. Ruben Weigand, der Broker aus Rheinland‑Pfalz, ist der Grund, warum Koblenz die Ermittlungen führt. Muret (so im Gericht gehört), der „Wizard of Cairo“, baute eine Datenbank, die die europäische Buchhaltung trug, und hatte mit Ruben Weigand zu tun, wenn sich jemand beschwerte. Kat Cruz betrieb Zypern‑Gründungen, CE Cash nutzte rund dreißig Acquirer. Häuser‑Axtner briefte Akhavan zu Quoten und Chargebacks, ein gelöschter Chat sprach von neuen Händlern, sobald die alten „verbrannt“ waren. Ab 2017 behauptete Häuser‑Axtner, ins „Low‑Risk“ gewechselt zu sein — oder war es nur niedrigeres Risiko? Die Ermittlungen, so Schüler, tragen das nicht wirklich.
Webshield, das Compliance‑Tool zur Händlerprüfung, sei „richtig gut“ gewesen, sagte Schüler — nur seien die Berichte manipuliert worden, damit das Onboarding viel, viel leichter fiel. Später, 2019, kam ein weiteres Instrument: SCP‑Lieferantenkonten. Unter einem Dach‑Händler wurde eine Kreditkarte ausgegeben und an Einzelpersonen weitergereicht, die damit herumlaufen und — in Millionenhöhe — ausgeben konnten. Födisch fragte, was das für Geldwäsche bedeute. Natürlich sei das möglich, sagte Schüler: Die Käufe liefen immer auf den Händler, dem die Karte gehörte, während das Ausgeben bei dem lag, der sie in der Hand hielt. Die Konten wurden als „kleinere Beträge“ durchgedrückt. Als Elbek von den Millionen hörte, die hindurchflossen, so Schüler, sei ihm die Kinnlade heruntergeklappt — er habe nur winzige Fazilitäten für die „Clients“ vermutet.
Nichts davon bewies aus ihrem Mandat heraus Münchens bevorzugte Erzählung vom angeblich völlig fingierten Third‑Party‑Acquirer‑Geschäft. Sie ist in den großen TPA‑Geschäften Al Alam, Senjo oder PayEasy nicht zu Hause — und das Münchner Gericht lässt elegant meist aus, dass es rund fünfzig TPAs gab, darunter die skandalösesten aus früheren Zeiten. Kalixa und PXP tauchten nur als Nebenpfad auf:
Die Festnahme in Singapur selbst: ein Auslieferungsersuchen von rund tausend DIN‑A4‑Seiten, fünf Zeitzonen, spätabends vor 21:00 Uhr durchgeführt — aus Schülers Sicht keine echten Komplikationen.
Händler wurden dorthin verschoben auf Anweisung „von oben“ — Marsalek, dann Häuser‑Axtner, dann Fuchs, in dieser Reihenfolge.
Ein Chat vom Juni 2020 führte Akhavan sogar als Strohmann für „einen anderen Mann aus Österreich“ — vermutlich Marsalek, räumt die Koblenzer Oberstaatsanwältin ein. Was eine Verbindung zu den Angeklagten in diesem Münchner Dock betrifft, war ihr Urteil nochmals glasklar: Nein! Abgesehen vom flüchtigen Jan Marsalek natürlich, mit dem Münchens Staatsanwälte am 18. Juni 2020 in Wirecards Zentrale in Aschheim gesprochen hatten — vor, nach oder gar während der Ankündigung der fehlenden 1,9 Milliarden Euro. Wer das als „reine Fantasie“ abtut, streite mit
Stefan Klestil unter Eid: Er selbst hat Münchens Staatsanwälte am 18. Juni 2020 in Aschheim verortet. Die Galeriepresse, die im Februar 2024 nicht im Saal war — oder die Bombe elegant übersprang damals — dementiert das sicherlich jetzt so wie Abwesenheit vom Termin als Faktencheck.
Warum die Bankkontrollen versagten, war ein weiterer Faden. Markus Kohlpaintner saß eher auf dem Issuing, es gab angebliche Barabhebungen von Akhavan in Höhe von 500.000 Euro. Der Vertrieb hatte immer eine Ausrede, Friendly Fraud existierte; ihr Eindruck war, dass sie nahmen, was kam. Ab 2019 wusste man kaum noch, was überhaupt abgewickelt wurde. Häuser‑Axtners Leute wurden alle zwei Jahre AML‑geschult. Kohlpaintner beschrieb mit mehreren anderen das Überstimmen durch den Vertrieb: Die Bankleute sagen nein — dann oft eine Korrektur durch den Vorstand der Wirecard Bank.
Ab Mittag prüfte Brauns Verteidigung, wie Material ausgetauscht worden war. Hatten Münchens Staatsanwälte alles übergeben? Nicht alles: CE‑Cash Netzwerkmaterial von Anfang 2024, keine vollständigen Postfächer der Münchner Angeklagten, nur E‑Mail‑Auszüge. Also hatte München zuerst sortiert? Ja — BKA mit der Sta München, Material, das dem Akhavan‑Komplex zuzuordnen war. Eine Singapur‑Vernehmung von Häuser‑Axtner aus München? Nein. Rechtshilfe nach Singapur? Nicht beantragt. Die Festnahme in Singapur selbst: ein Auslieferungsersuchen von rund tausend DIN‑A4‑Seiten, fünf Zeitzonen, spätabends vor 21:00 Uhr durchgeführt — aus Schülers Sicht keine echten Komplikationen. Am 4. November 2025 von Wohnung und Person beschlagnahmte Geräte sind noch in der BKA‑Auswertung.
Eine Bellenhaus‑Stiftung zugunsten einer Tochter von Häuser‑Axtner war ihr neu. Im Mai 2026 vernahm Schüler Häuser‑Axtner selbst, mit Anwalt, in der JVA Koblenz, BKA anwesend; die Unterlagen liegen beim Landgericht. Ihr Eindruck: Expertise, Eloquenz, von der Auslieferungshaft gezeichnet. Persönlicher Profit von Häuser‑Axtner aus „Operation Chargeback“?

Brandneues Justizzentrum an Münchens
Dachauer Straße
Nicht festgestellt; die Finanzen nach dem Zusammenbruch waren eng; Karriereaussichten 2025 durch die Festnahme unterbrochen. Nach 2020 lief die asiatische Händlervermittlung um Andrew Garroni. QNet war Hochrisiko. Andy Karwaja war nicht ihr Fall.
Die Kommunikation zeichnete Fuchs, Häuser‑Axtner und Marsalek als „my love“ und „my brother“ mit Akhavan. Marsalek saß über der Vertriebsstruktur — Geschenke, Fassaden, enge Bindungen. Dann legte Braun selbst eine E‑Mail vom 22. Februar 2010 auf den Tisch: Marsalek fragt, wie man Load Balancing einrichtet, „zehn am Tag“. Dieselbe Idee wie in Koblenz untersucht? Im Grunde ja. Wessen Idee? Ein Treffen in Kanada mit Häuser‑Axtner, Marsalek und Akhavan — Ray, Goldketten und alles. Kurz danach lief das gesamte Load‑Balancing‑Karussell an. Aus Schülers und Dr. Brauns Erinnerung und Belegen: Ray Akhavan.
Sechzehn Jahre vor der heutigen Finsternis lag der Trick schon im Posteingang, Münchens bevorzugte Dunkelheit scheint somit klar woanders zu liegen.
Drei Linien bleiben. Die Wirecard‑Seite des Akhavan‑Netzwerks war real: Fuchs, Häuser‑Axtner, Marsalek — Vertrieb, Fassaden, Load Balancing. Die Technik wurde nicht für ein Moralstück von 2020 erfunden, sie wurde bereits 2010 per E‑Mail verschickt. Schüler bestätigt, was Dr. Braun heute vor Gericht sagte: Es reicht zurück bis 2010 zu einem aus dem Iran stammenden Betreiber, der im Herbst 2024 an einer Überdosis starb. Und die Angeklagten in
diesem Münchner Dock waren in ihrem Fall nicht das Zentrum der Karte — nicht die Empfänger der Flüsse, denen sie nachjagte oder in ihren Ermittlungen identifizierte.
Draußen streifte der Mond beinahe die Sonne. Drinnen in D107 warf Koblenz einen anderen Schatten. Den Händler verteilen. Den Raum verdunkeln. Während der Finsternis schaut jeder mit speziell abgedunkelten Augen woanders hin.
Der bayerische Komödienprozess geht weiter. Nur kommt das Licht jetzt aus Rheinland‑Pfalz.