inige Jahre bevor die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, reiste der jüdische Schriftsteller Thomas Mann, der damals in München lebte, zu einem Sommerurlaub nach Italien. Als er 1926 mit seiner Familie aus Portovenere bei La Spezia zurückkehrte, schrieb er einen kurzen, aber sehr vorausschauenden Roman mit dem Titel
. Darin beschrieb er den extrem nationalistischen Zeitgeist, welcher sich damals vor allem von Italien aus auszubreiten begann. Der Roman handelt von einer Familie, die Zeuge des Besuchs eines Zauberers in einer italienischen Kleinstadt wird. Dem Zauberer, der halluzinatorische Handlungen vollführt, gelingt es, die ganze Stadt zu hypnotisieren, so dass vor den Augen der Zuschauer ein Mord geschieht: Mario, der insgeheim in die schöne Sylvestra verliebt ist, erschießt den Zauberer, nachdem er so hypnotisiert wurde, dass Marios geheime Liebe zu Sylvestra für alle Zuschauer auf der Bühne sichtbar wird.
Während ihres Sommerurlaubs in Italien im Jahr 1926 hat die Familie Mann schwarze Dinge wohl sehr oft erlebt, eine "Farbe", die vor allem von Benito Mussolinis nationalistischer und faschistischer Partei verwendet wurde. Mussolini, der in einer gläubigen katholischen Familie aufwuchs, war lange Zeit ein begeisterter Sozialist, der sich sogar mit Wladimir Lenin traf, als Mussolini wie Lenin auch in der Schweiz im Exil lebten. Bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs lehnte Mussolini den Sozialismus ab, da dieser
"die Überlegenheit der Nation" nicht anerkannte, wie er bereits 1914 erklärte. In 1918 rief er nach Gefolgten, die
"rücksichtslos und energisch genug sind, um reinen Tisch zu machen" und die italienische Nation stärken würden. Am 23. März 1919 gründete Mussolini schließlich in Mailand die Italienischen Kampf-Faschisten, eine paramilitärische Gruppe mit 200 Mitgliedern.
Mussolini wählte den Begriff
"faschistische Partei" bewusst und mit Bedacht, nachdem er Platon, Nietzsche und Sorel gelesen hatte. Anders als heute war das Wort
Faschist zu der Zeit um Thomas Manns Italienurlaub von 1926 relativ unbedeutend - damals, genau als Adolf Hitler nach seinem ersten
gescheiterten Münchener Putschversuch von 1923 im nicht weit entfernt von Italien gelegenen, bayerischen Edel-Gefängnis zusammen mit seinem Freund Rudolph Hess saß.
Die Ablösung des deutschen Kaiserreichs im Norden, wo deutsche Matrosen in 1919 revoltiert hatten, den Kaiser in Berlin endlich zum Abdanken zwangen und das pyramidiale Reich durch eine neuartige Räte-Republik ersetzten, sollte um jeden Preis verhindert werden auch den italienischen König - oder gar den Vatikan in Rom - zu erreichen.
Auf der anderen Seite der Alpen wollte Mussolini auf gar keinen Fall irgendwelche revolutionäre Ideen der Berliner Räterepublik einbringen und verlangte von seinen faschistischen Parteimitgliedern extremsten Gehorsam. Die Ablösung des deutschen Kaiserreichs im Norden Europas, wo im genau denselben Gründungsjahr von Mussolinis sogenannten
Kampf-Faschisten ganz ordinäre deutsche Matrosen in 1919 revoltiert hatten, den Kaiser in Berlin endlich zum Abdanken zwangen und das pyramidiale Kaiserreich durch eine neuartige Räterepublik ersetzten, sollte um jeden Preis verhindert werden auch den italienischen König - oder gar den Vatikan in Rom - zu erreichen.
Mussolini brauchte nicht weit zu schauen, um sichtbare Zeichen eines extremen geistlichen Gehorsams zu finden. Katholische Priester und viele Mönche tragen seit langem schwarze Kutten - die Lieblingsfarbe von Königen übrigens. Und
die Fasces, ein Bündel hölzerner Stöcke, welches auf die letzte römische Republik zurückgeht und von einer mit extremen juristischen Befugnissen ausgestatteten Klasse von Politikern getragen wurde, sollte neben den schwarzen Uniformen fortan zum Symbol für Mussolinis Terrornationalisten werden. Der deutsche Begriff
"Lebensraum" wurde ursprünglich auch in Italien erfunden, als italienische Soldaten von deren König
den Befehl erhielten, gegen verschiedene Mittelmeerländer Krieg zu führen, insbesondere in Nordafrika. Die Idee war schon damals, dass Italien mehr
"spazio vitale", also Lebensraum, benötigen würde, weil die Italiener angeblich
"unter Überbevölkerung litten". Jahrzehnte später griff in 1972 eine seltsame Gruppe von Intellektuellen in der Schweiz im
"Club of Rome" diese Idee in ihrem apokalyptischen Szenario einer Weltbevölkerung von 6 Milliarden Menschen auf. Um Italiens imperialistische Doktrin in Nordafrika in den 1920er Jahren zu untermauern, wurde dort schon früh eine weitere seltsame Idee kreiert und zelebriert: die Vorstellung, dass eine so genannte
"überlegene Rasse" das Recht habe, minderwertigen Rassen
"spazio vitale" zu nehmen. Laut Mussolini gehörten Schwarzhäutige zu einer solchen
"minderwertigen Rasse".
Seltsamerweise weist der politische Werdegang von Italiens derzeitiger Ministerpräsidentin Giorgia Meloni eine Reihe von komischen Ähnlichkeiten mit dem auf, was Benito Mussolini zu Beginn seiner Karriere als sozialistischer Journalist dachte und schrieb. 1992 trat Giorgia Meloni der
Jugendfront bei,
In 1992 trat Meloni der Jugendfront bei, dem neo-faschistischen Jugendzweig der sozialistischen(!) Bewegung MSI in Italien, die 1995 rechtlich nicht in eine andere sozialistische, sondern in die konservative(!) Alleanza Nazionale (AN) umgewandelt wurde.
dem neo-faschistischen Jugendzweig der sozialistischen(!) Bewegung MSI in Italien, welche ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1946 von italienischen Pro-Faschisten gegründet wurde. Die MSI-Bewegung wurde 1995 rechtlich nicht etwa in eine andere sozialistische, sondern in die konservative(!)
Alleanza Nazionale (AN) umgewandelt. Meloni wurde Mitte 1990 nationale Studentenführerin der
Azione Studentesca der AN und stieg in den frühen 2000er Jahren zur nationalen Gesamtleiterin der Jugendorganisation von Alleanza Nazionale auf. Unter Berlusconi wurde sie Ministerin für Jugend.
Wie Mussolini in seiner Jugend ist - oder zumindest war - auch Giorgia Meloni eine gläubige Katholikin. Sie glaubt an "Gott", an ihr Land, und an ihre Familie. Ihr eigener Vater Francesco Meloni verließ seine italienische Frau, als die kleine Giorgia etwa ein Jahr alt war - er zog auf die Kanarischen Inseln. Die Kanarischen Inseln gehören zu Spanien und der spanische Diktator
Franco wurde genau dorthin verbannt, nachdem die Sozialisten die Wahlen in Madrid etwa zur ähnlichen Zeit gewonnen hatten, als Thomas Mann 1926 in La Spezia seinen Urlaub beendete - Ereignisse, die in den 1930er Jahren zu einem brutalen Bürgerkrieg in Spanien führten.
Francos Mörderbande wurde 1936 von Hitlers berüchtigten Flugzeugen der Legion Condor von Nordafrika an die spanische Küste gebracht, übrigens auch mit Hilfe Mussolinis.
Vater Meloni verließ Italien natürlich erst viel später, nämlich 1978,
wurde aber einge Zeit danach wegen Drogenhandel zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Francesco Meloni wurde 1995 mit satten 1.500 Kilogramm Marihuana auf seinem unter französischer Flagge fahrenden Segelboot mit dem bezeichnenden Namen
Cool Star kurz vor dem Einlaufen in den Hafen von Menorca festgenommen. Eine ziemlich lange Strafe, selbst unter dem bröckelnden Franco-Regime in Spanien. Melonis Vater schrieb einen letzten Brief an seine Tochter Giorgia in 2006. Die Mutter von Giorgia Meloni ist ebenso interessant. Die gebürtige Sizilianerin Anna Paratore war, bzw. ist möglicherweise noch immer, in
einen Immobilienskandal verwickelt, den nur wenige näher untersucht haben.
Meloni bekannte sich schuldig, Drogen von Marokko nach Menorca verbracht zu haben und wurde 1996 zu neun Jahren Haft verurteilt. Seine Söhne und sein Schwiegersohn wurden zu vier Jahren verurteilt, obwohl Meloni die volle Verantwortung übernahm und erklärte, er habe sie unter dem Vorwand einer Vergnügungsreise nach Marokko gebracht. Damals behauptete der Vater der künftigen italienischen Premierministerin, er sei bankrott, habe sein Hotelgeschäft verloren und wollte deshalb den Auftrag eines Marokkaners annehmen, der ihm 50 Millionen Peseten für den Transport von Drogen von Marokko nach Spanien zahlen würde. Zusätzlich zu den Drogen wurden auf dem Segelboot 7.533.000 italienische Lira und 74.000 spanische Peseten beschlagnahmt.
Bericht der
Gruppe Prensa Ibérica über die Verhaftung des Vaters von Giorgia Meloni von 1995
La Repubblica nahm die Immobiliengeschichte von Francesco Melonis Ex-Frau Anna Paratore im Mai 2023
genauer unter die Lupe. Dabei ergaben sich so einige Ungereimtheiten. Ein offizielles Dokument der Handelskammer Madrid mit der Bezeichnung
Tomo 16455, sec 8, libro 0, hoja M-279979 gibt laut LaRepubblica an, dass Vater Franceso Meloni noch im Jahr 2004 im Vorstand einer Firma mit dem fast noch bezeichnenderen Namen
Nofumomas SL war, neben einem gewissen Raffaele Matano. An einigen anderen Firmen des Geschäftpartners Raffaele Matano des Ex-Ehemanns von Giorgias Mutter war Anna Paratore zur selben Zeit Anteilseignerin, so z.B. in Lazio Consulting Srl mit ehemaligem Sitz in Panama, welche später zu einer gewissen Gruppo Immobiliare Romano Srl wurde. Obwohl Giorgia Meloni in ihrer Autobiographie
"Io Sono Giorgia" angab, dass in ihrer Jugendzeit das Apartment ihrer Mutter, in welchem sie mit ihrer Schwester lebte, angeblich durch ein Feuer zerstört worden sei, gibt es
offenbar keine genaue Zeugen dafür. Im Gegenteil, das Apartment wurde für 47 Millionen gekauft und nur vier Jahre später für 160 Millionen mit sattem Gewinn verkauft. Anna Paratore hatte ebenso das "Glück", Aktien im ursprünglichen Wert von 2.000 Euro einer Firma mit Namen
Raffaello Eventi Srl für satte 48.000 Euro in 2012 zu verkaufen.
Thomas Mann nahm die Geschehnisse sehr genau unter die Lupe, als er 1926 mit seiner Familie von seinem Italienurlaub nach München zurückkehrte. Nur wenige Jahre später blieb ihm nichts anderes übrig, als vor den Nazis in Europa zu fliehen: er emigrierte nach Kalifornien, weil er befürchtete, dass der Zauberer auch in seinem Haus in München auftauchen würde.