Diese Webseite nutzt keinerlei Cookies, weitere Infos hier. Wir nutzen lediglich einige Sitzungsvariablen.
Hinter der Mauer von Stadelheim
Was Markus Brauns Gefängnisinterview verrät
1792876335
 Kopiert 
   Dunkler Lesemodus
Kurz bevor im Münchner Wirecard-Prozess das Urteil fällt, hat Ex-Vorstandschef Markus Braun sein erstes ausführliches Interview aus der Untersuchungshaft gegeben. Der Spiegel hat das Gespräch veröffentlicht, geführt in der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Für einen Mann, der einst einen DAX-Konzern lenkte und kaum jemanden hinter die Fassade blicken ließ, ist das schon ein bemerkenswertes Dokument. Liest man genau hin, bleibt vor allem ein Eindruck hängen: Hier spricht ein Mann, den diese Erfahrung gebrochen hat, so sehr er auch das Gegenteil beteuert.

Der Zusammenbruch

1

Am 18. Juni 2020 beendete eine Videokonferenz eine Ära. Wirecard, der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München, der es bis in den DAX geschafft hatte, konnte 1,9 Milliarden Euro schlichtweg nicht mehr nachweisen. Binnen Tagen trat Vorstandschef Markus Braun zurück und wurde verhaftet, während Vorstand Jan Marsalek floh und nie vor Gericht stand. Braun sitzt seitdem in Untersuchungshaft, inzwischen seit mehr als sechs Jahren.

Gablingen

2

Die ersten zweieinhalb Jahre verbrachte Braun in der JVA Augsburg-Gablingen, in einer acht Quadratmeter großen, videoüberwachten Sicherheitszelle, während der Pandemie 21 bis 23 Stunden am Tag eingeschlossen. Er nennt das „eine absolute Extremsituation“. Heute stehen 13 ehemalige Bedienstete aus Gablingen wegen 131 mutmaßlicher Taten an 102 Gefangenen vor Gericht, dem größten Gefängnisskandal in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Gerichtssaal in Stadelheim

3

Seit fast vier Jahren läuft der Wirecard-Prozess in einem Gerichtssaal auf dem Gelände der Münchner JVA Stadelheim. Die Verteidigung deckte rund zwei Milliarden Euro an nachvollziehbaren Geldflüssen über die Schweiz und Hongkong bis unmittelbar vor die Insolvenz auf. Die Staatsanwälte brüllten in ihre Mikrofone, um diese Beweise zu übertönen, und das Gericht schmetterte einen Antrag nach dem anderen ab, während die offizielle Erzählung implodierte.

Das Interview

4

Kurz vor dem Urteil hat Braun dem Spiegel sein erstes ausführliches Interview aus der Haft gegeben. „Natürlich gibt es dunkle Momente, massive Dunkelheit“, sagt er. Er erzählt von seiner Tochter, die bei seiner Festnahme zwei war und heute acht ist, und beteuert, er habe „einen starken Kern“. Liest man genau hin, bleibt ein anderer Eindruck: ein Mann, den diese Erfahrung gebrochen hat und dem es noch immer vor allem um sein Image geht.

›
‹

Braun sitzt inzwischen seit mehr als sechs Jahren in Untersuchungshaft. Die Anfangszeit, vor allem die ersten zweieinhalb Jahre in der JVA Augsburg-Gablingen, nennt er „eine absolute Extremsituation“. Er beschreibt eine acht Quadratmeter große Sicherheitszelle unter ständiger Videoüberwachung, in der er während der Pandemie 21 bis 23 Stunden am Tag eingeschlossen war. „Natürlich gibt es dunkle Momente“, sagt er, „massive Dunkelheit“, und die Gefahr, „dass man sein inneres Selbst verliert“. Trotzdem will er sich einen „starken Kern“ bewahrt haben. Er erzählt von seiner Tochter, die bei seiner Festnahme zwei Jahre alt war und heute acht ist, und vom langen Ringen mit seinen Gefühlen gegenüber Jan Marsalek, dem früheren Wirecard-Vorstand, der sich 2020 abgesetzt hat und bis heute nie vor Gericht stand. Den Prozess nennt er eine „Farce“, sechs Jahre Untersuchungshaft hält er „in keiner Weise für gerechtfertigt“.

Die Zustände, die er schildert, sind alles andere als abstrakt. Ein Gericht hat inzwischen das Hauptverfahren gegen 13 ehemalige Bedienstete der JVA Augsburg-Gablingen eröffnet, darunter die frühere Anstaltsleiterin und ihre Stellvertreterin. Es geht um 131 mutmaßliche Taten an 102 Gefangenen zwischen Januar 2023 und Oktober 2024, unter anderem gefährliche Körperverletzung im Amt, Freiheitsberaubung und Nötigung. Gefangene sollen geschlagen, gewürgt und über lange Zeit nackt in kahlen „besonders gesicherten Hafträumen“ festgehalten worden sein. Das sind Isolationszellen, die eigentlich nur für akute Gefahrenlagen gedacht sind, dort aber offenbar ganz routinemäßig als Strafe herhalten mussten. In Chats der Bediensteten ist sogar davon die Rede, Insassen zu „zerstören“. Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger spricht vom größten Gefängnisskandal in der Geschichte der Bundesrepublik. Braun saß schon vor dem angeklagten Zeitraum in Gablingen, also zu einer Zeit, in der die Misshandlungen offenbar längst liefen und von einer Aufarbeitung noch keine Rede war, geschweige denn von Anklagen gegen die Anstaltsleitung. Das verleiht seiner „absoluten Extremsituation“ echtes Gewicht.

Was mich stutzig macht, ist der Ton. Ich verfolge Wirecard seit Februar 2021, als mein erster Artikel zu dem Fall erschien, Bayerncard. Seit dem allerersten Verhandlungstag im Dezember 2022 habe ich fast 40 Prozesstage im Gerichtssaal in Stadelheim miterlebt und darüber ausführlich auf Sun24 Press berichtet. Nach sechs Jahren an diesen Orten, in Stadelheim wie in Gablingen, klingt Braun fast so, als wäre es irgendwie hinnehmbar, so lange und so unverhältnismäßig festgehalten zu werden. Wut findet man in seinen Worten kaum, Anklage noch weniger. Vielleicht hat Der Spiegel das Gespräch einfach so gerahmt. So oder so legt man das Interview mit dem Eindruck aus der Hand, die Haftbedingungen seien recht erträglich gewesen. Waren sie nicht.

Haft nimmt einem Menschen eines seiner elementarsten Bedürfnisse: die Freiheit, sich zu bewegen. Das Suizidrisiko ist keine Theorie. Es setzt sofort ein und bleibt, ganz egal, ob jemand vorher jemals gefährdet war. Daran ändert auch ein noch so „starker Kern“ schlichtweg nichts - es sei denn, die eigene Freiheit ist einem nie wirklich so richtig wichtig gewesen. Untersuchungshaft soll ein Verfahren sichern, nicht schon vor dem Urteil bestrafen. Nach sechs Jahren ist diese Grenze so gut wie verschwunden.

Was Braun über Marsalek sagt, kann man ebenso kaum ernst nehmen. Aus heutiger Sicht, meint er, hätte er ihn zehn Jahre früher hinauswerfen sollen, und sollte er ihn je wiedersehen, würde er ihn nur eines fragen: „Warum! Warum!“ Er verstehe einfach nicht, „wieso er diesen Wahnsinn veranstaltet hat“, und würde gern herausfinden, „was die echten Motive waren“. Braun dürfte inzwischen sehr wohl wissen, dass Marsalek nicht nur für die Russen, sondern auch für die CIA unterwegs war. Sogar die Financial Times hat das in ihrem Podcast Hot Money eingeräumt, wie ich in Des Onkels CIA Fixer beschrieben habe.

Auf die Frage, was er tun will, wenn er wieder draußen ist, spricht Braun von Zeit mit seiner Familie in Wien und davon, wieder etwas aufbauen zu wollen. Was ihn interessiert? Künstliche Intelligenz, „eines der spannendsten Themen unserer Zeit“, und Technologie überhaupt, von KI über Quantencomputer und Fusionsenergie bis zum Weltraum. Und die Justiz, die ihn seit sechs Jahren ohne Urteil festhält? Die Untersuchungshaft sollte seiner Meinung nach auf etwa ein Jahr begrenzt werden, und auch die Verfahrensdauer gehöre begrenzt, „zum Beispiel auf 50 Tage. Aber das wäre ein Thema für die Politik.“ Nach einer fast vierjährigen Kreuzigung im Gerichtssaal von Stadelheim finde ich das, ehrlich gesagt, lachhaft. Wenn nicht der Mann, der das alles am eigenen Leib erlebt hat, auf ein Aufräumen in der Justiz drängt, wer denn dann? Wer das „der Politik“ überlässt, die mitunter teils mitverantwortlich ist für die theatralische Komödie in Stadelheim, hat letztlich kein Interesse daran, dass es anderen jemals wirklich anders ergehen wird.

Selbst nach all der Zeit bleibt Braun, zumindest im Umgang mit den Medien, der, der er immer war: ein Mann, dem es vor allem um sein Image geht. Er scheint noch immer den richtigen Eindruck hinterlassen zu wollen, ja zu müssen, bei den Salon-Radikalen auf Dinnerpartys und in den Clubhäusern der Golfplätze. Das inzwischen fast vier Jahre dauernde Verfahren gegen ihn ist nicht bloß eine Farce. Es ist ein gigantischer Skandal. Mein kostenloses eBook über die ganze Affäre gibt es hier: Die Wirecard-Implosion – Anatomie eines Justizprozess-Desasters.

Die Wirecard-Implosion – Anatomie eines Justizprozess-Desasters
Ein Klick aufs Cover führt zum kostenlosen Buch

Das Buch folgt dem Fall von der Videokonferenz am 18. Juni 2020 bis in den Münchner Gerichtssaal in Stadelheim, wo ich in unzähligen Sitzungen in der letzten Reihe saß. Es zeigt, wie die Verteidigung rund zwei Milliarden Euro an nachvollziehbaren Geldflüssen über die Schweiz und Hongkong bis unmittelbar vor die Insolvenz aufdeckte, wie die Staatsanwälte in ihre Mikrofone brüllten, um diese Beweise zu übertönen, und wie das Gericht einen Antrag nach dem anderen abschmetterte, bis die offizielle Erzählung mitten in der öffentlichen Verhandlung implodierte.

Ende 2024 habe ich kurz mit einer nahestehenden Person aus Brauns Familie gesprochen und sie gedrängt, ohne Verzögerung eine öffentliche Kampagne zu starten. Ein Mann, der jahrelang ohne Urteil festgehalten wird, braucht Stimmen außerhalb der Mauern. Seine engsten Angehörigen lehnten das damals ab und tun es bis heute, offenbar damit auch bei den Salon-Radikalen in Wien ein gewisses Bild intakt bleibt. Dieses Schweigen hilft einer Justiz in München und Bayern, die in der Regel schaltet und waltet, wie es ihr gefällt - und in der der vorsitzende bayerische Richter dafür womöglich sogar noch befördert wird, so scheint es derzeit jedenfalls.

Nachdem ich das Interview mehrmals gelesen habe, weiß ich, was ich Braun als Erstes wünschen würde, wenn er endlich freikommt: eine gründliche Therapie. Andererseits ist vielleicht auch dieser Eindruck nur dem geschuldet, wie Der Spiegel es aufgeschrieben hat.






Fotos via Wikimedia Commons: Mauer und Turm von Stadelheim von Rufus46 (CC BY-SA 4.0), Wirecard-Zentrale von Leo Molatore (CC BY-SA 2.0), JVA Augsburg-Gablingen von Tobias Maier (CC BY-SA 3.0), Stadelheim aus der Luft von Carsten Steger (CC BY-SA 4.0), Spiegel-Gebäude von Dennis Siebert (CC BY-SA 3.0)






Schreibe einen Kommentar:


Senden

Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.


 Kopiert 


Für vertrauliche Infos und Hinweise: Kontaktieren Sie uns bitte unter news@sun24.press mit Ihrer verschlüsselten Nachricht durch unseren PGP-Schlüssel (Hilfsmittel hier).



Empfohlen:
‹
›
12.August 2026

Die Load-Balancing-Finsternis

Eine Koblenzer Staatsanwältin in München und das Netzwerk, das die Wirecard-Galerie-Kampagne nicht sieht
6.August 2026

Die Endlose Justiz-Runde

Vernehmung eines langjährigen Wirecard-Aufsichtsratmitglied
18.Juni 2026

Die Wirecard-Implosion

Anatomie eines Justizprozess-Desasters
23.März 2026

Wirecard-Berichte

Zeitachse aller Wirecard Artikel
27.November 2025

Der KPMG Zeuge

Vernehmung eines Managing Partners von KPMG
20.Dezember 2025

Das ProtonMail-Phantom

Der Wirecard-Richter und dessen fragwürdige Andeutungen
9.Oktober 2025

Der eBay Laptop

Ein bayerischer Wirecard-Kronzeuge und seine vermissten Schweizer Daten
1.September 2025

Des Onkels CIA Fixer

Jan Marsaleks Doppel-Leben, das die Financial Times einfach übersah
4.April 2025

Die Implosion

Über winterliche Endzeitwochen im Wirecard Gerichtsaal
18.Januar 2025

Das Justizkollegen Ping-Pong

Über ein perfides Spielchen im Wirecard Strafverfahren
17.September 2024

Wirecard eingetütet

Das Gerichtsverfahren - Staffel 1, Episode 1
25.August 2024

Das Wirecard Sommerloch

Über erpresste Geständnisse und bayerische Radionachrichten
22.Juli 2024

Hotel Wirecard

Über Brokkoli und Roastbeef in Münchener Hotelzimmern
28.Juni 2024

Geldwäsche ist nicht mein Ding

Über die Commerzbank und gekündigte Wirecard-Kredite
3.Juli 2024

Wirecard Chancen

Über aufsichtsratberatende Anwälte
20.Juni 2024

Das Wirecard PR Gericht

Über obskure Befragungen eines Wirecard-Anwalts
5.Juni 2024

Wildes Wirecard

Über irre justiziäre Gespräche und zielgenaue Beweisanträge
25.Mai 2024

Wirecard-Entknotung

Über ungelöste Sachverhalte in Deutschlands größtem Nachkriegs-Finanzskandal
29.April 2024

Alles im Singapur-Ordner

Über Wirecard-Buch Halter und deren Email-Konversationen
25.April 2024

Grand Vision Trust

Über einen Wirecard Bankdirektor und Beziehungs-Management
19.April 2024

Mount Interim

Über einen Wirecard-Interim-CEO auf Schweizer Rosenbergen
3.April 2024

Wirecard Ernte

Über Rosen aus der Schweiz und Wirecard-Bären
29.März 2024

Die PayLondon Gruppe

Über Bären aus London und Wirecard-Angriffe
24.März 2024

Mount Acronis

Über einen Schweizer IT Sponsor und Wirecard Verwicklungen
15.März 2024

Magischer Pav

Über einen Wirecard-Hinweisgeber und magische Anwaltskanzleien
13.Februar 2024

Der Prozess

Über eine Wirecard-Gefangenenfreigabe und Franz Kafkas unvollendete Werke
4.Oktober 2023

Mount Wirecard

Über Schweizer Wirecard-Verstrickungen und die Reste der Crypto AG
22.August 2023

Wirecard Gerichtshalbzeit

Über sieben Monate in Stadelheim und das Wunder von Bern
18.Mai 2023

Pandoras Box

Über Wirecards IT Architekturen
29.April 2023

Der Dritte Mann

Über Wirecards Interim-CEO James Freis und tolle Schuhe
8.Dezember 2022

Die Deflektions-Anwaltschaft

Über eine fünfstündige Wirecard-Anklage
18.Februar 2021

Bayerncard

Über einen germanischen Wirecard-Poker
5.Mai 2021

Ein Münchner Fall

Wirecard und die Staatsanwaltschaft München
22.November 2021

Königliches Gericht von Wirecard

Über ein Wirecard-Gerichtsverfahren in London und die Quantenphysik
1.Oktober 2021

Die Brillianten Berater

Über Wirecards Bilanzprüfer und das Schachspiel
6.November 2021

Zurück in die Wirecard

Über die Anfänge der insolventen AG aus München
15.April 2021

Die Drei von der BaFin

Ein 13. April im Wirecard-Untersuchungsausschuss


© 2026 Sun24 Press - Alle Rechte vorbehalten

↑
Artikel bewerten
    
Danke !
oder schreibe einen Kommentar
Senden