Eine weitere wichtige Vernehmung heute im Wirecard Gerichtsprozess: Stefan Klestil, zuletzt stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Die lange Vernehmung am ersten Verhandlungstag vom 31. Januar 2024 offenbarte eine Vielzahl von Sachverhalten, eine Zusammenfassung mit Schlüsselaussagen hier.

Klestil, Sohn des in 2004 verstorbenen österreichischen Bundespräsidenten und einer Diplomaten-Mutter, die für Österreich in Moskau tätig war - gibt an, dass er regelmässig durch Corporate Guidance Methoden über die Zahlen bei Wirecard informiert wurde, 1/4 jährlich wurde der Aufsichtsrat (AR) mit eher informellen Daten - darunter auch Key Indikatoren sowie Transaktionsvolumen - versorgt, auch über die EY Audits.
Klestil wird auch befragt, wie genau die Jahresabschlussprüfungen abliefen und wie der Wirecard AR dabei eingebunden war. Er legt dar, wie man sich regelmässig nach der Sommerpause mit den Wirtschaftsprüfern zusammensetzte, um "über Prüfungsschwerpunkte zu sprechen". Dabei wurde auch der AR direkt von EY kontakiert, falls der Mitarbeiter oder Vorstand Dokumente oder Daten nicht liefern wollte oder konnte, Mängel führten öfter zu Verzögerungen.
Er geht auf die Kündigung von Tina Kleingarn ein, die wegen solcher Sachverhalte ihre Tätigkeit beendete und teilt mit, dass dies für ihn unverständlich gewesen ist, da es eher normal in DAX Unternehmen sei, dass in der letzten Prüfungsphasen die Dinge "hektisch" werden, teilt mit, dass Wirecard 2019 sehr viel schlimmer gewesen sei.
Klestil wird auch intensiv befragt zum Drittpartnergeschäft. Er soll erklären, wie genau er es definieren würde, macht immer wieder Pausen, um die Details zu hinterdenken. Auf die Frage, wer verantwortlich gewesen sei für das Drittpartnergeschäft, sagt er Braun und Marsalek, erst beim zweiten Hinterfragen nennt er Bellenhaus und Dubai, zudem zwei weitere Wirecard Payment Profis.
Darlegungen vor Gericht über Dokumente ergeben, dass Wirecard Drittpartner sich Acquiring Banken offenbar selbst aussuchen konnten. Wenn der Drittpartner kein Acquiring selbst macht, was wäre dann die Rolle des Drittpartners ? Klestil überlegt länger und teilt mit, technischen Service, wobei es offenbar viele Acquirer/Issuer/Tech/Bank Varianten gab.
Aus seinen und des Richters Erklärungen ergibt sich, dass die Drittpartner sich selbst absicherten gegen Zahlungsausfall, Richter fragt Klestil, warum man sich dann nochmal sich über die Treuhandkonten absichern wollte. Klestil braucht eine Weile um mit Hilfe des Richters darzulegen, dass das Chargeback Haftungsrisiko übernommen werden sollte durch Wirecard AG.
Der Wechsel des Treuhändlers im Februar 2020 wird angesprochen, Klestil erklärt, dass dies für einige im AR schockierend überraschend kam. Erklärung war, dass dies über Thomas Eichelmann kommuniziert wurde, der darlegte, dass man schnell reagieren musste, da Citadelle kurzfristig abgesprungen war als vorheriger Treuhändler.
Der neue Treuhand-Verantwortliche Tolentino wurde Klestil über allgemeine Referenzen vorgestellt, er wirkte auf ihn generell "vertrauenswürdig".
Die ab 2019 sich verdichtenden Berichte über Probleme bei Wirecard und einige unbefriedigende Ergebnisse veranlassten den AR, eigene Untersuchungen anzustellen, die man in Absprache mit eigenen Anwälten unabhängig vom Vorstand durchführen liess. Speziell Eichelmann wollte eine eigene Sonderprüfung durch AR angeordnet, da er in der Vergangenheit "schlechte Erfahrungen" anderweitig gemacht habe.
Klestil legt dar, dass EY sein 2018 Audit durch forensische Spezialisten ergänzt habe, am Ende wurde das Testat durch EY zunächst erteilt. Eichelmann habe im Sommer 2019 Probleme erkannt und dies Klestil gegenüber erstmals mitgeteilt.
Bei den Darlegungen über den Hergang der KPMG Sonderprüfung teilt Klestil zunächst mit, dass Braun sich nicht widersetzt habe. Präsentationen des Richters legen dar, dass Wirecard AR gespalten war in der Frage der KPMG Sonderprüfung, Wulff Matthias und Dr. Anastasiya Lauterbach wären dagegen gewesen.
Näheres über die Eichelmanns Rolle in der KPMG Untersuchung hier (Kudos & thanks to @csFraudAnalysis):
https://drive.google.com/fil...
Braun sei generell dann für eine KPMG Sonderprüfung gewesen, habe dann aber aufgrund der Form der Prüfung als intensives forensisches Audit - welches ein Unternehmen lahmlegen könne - versucht, auf KPMG Zwischenberichte besonders um April 2020 einzuwirken, um für Investoren halbwegs beruhigende Meldungen zu veröffentlichen. KPMG teilte derweil sogar noch mit, dass nach Prüfung der Wirecard Transaktionsdaten von Dezember 2019 keine sonderlichen Probleme durch die Fraud-Erkennungssoftware gefunden wurden.
Eichelmann habe schliesslich ad-hoc Meldungen selbst am 24. April 2020 auch an externe weitergeleitet. Ebenso wurde offenbar auch #BaFin bereits über Probleme laut Eichelmann bei der Wirecard KPMG Prüfung zu diesem Zeitpunkt unterrichtet. Klestil gibt vor Gericht folgendes an, Zitat, "wir [AR] haben die Verantwortung für die Ad-Hoc Meldung [über Probleme des Stands der KPMG Prüfung zu diesem Zeitpunkt] dem Knoop angehängt" !
Klestil wird weiter vom Richter befragt, wie er zu seiner Aussage von vor einigen Jahren gegenüber den Wirecard SoKo-Kommissare stehen würde, als er angeblich darlegte, Zitat, "Dr. Braun hat sich meiner Meinung nach der Marktmanipulation schuldig gemacht".
Klestil macht irritiert eine längere Pause, meint er sei kein Jurist und weiter, "alles was ich weiss deutet darauf hin".
Der zuständige Richter fragt Klestil darauf, ob dies die Investoren das auch so gesehen hätten, legt durch Dokumente dar, dass 5 von 6 Grossinvestoren Dr. Braun stützten noch um Mitte April 2020.
Braun habe auch weiter Marsalek gestützt in dieser Situation. Klestil schliesst ab mit der Aussage, dass der AR klargemacht hätte, das Teile in den Darlegungen Brauns gefehlt hätten.