Im Wirecard-Prozess des München-Stadelheim Gerichts nahm Kronzeuge Oliver Bellenhaus am 8. Oktober 2025 endlich die legendäre Liste mit rund 500 Fragen in Angriff, die vor Jahren von der Verteidigung des Ex-Chefbuchhalters von Erffa erstellt worden war.
Eingang zum unterirdischen Gerichtssaal des Münchener Stadelheim-Gefängnisses am 8. Oktober 2025
Bellenhaus, gebürtiger Nordbayer aus Hof, pflügte durch die Fragen so wie jemand, der am Flugsteig gerade den letzten Boarding-Call hört. Seine bevorzugten Quellen der Erinnerung: Telegram-Nachrichten und Telefonate, deren Existenz die Staatsanwaltschaft bis heute nicht belegen kann. Eine frühe Perle des Tages: unter Verweis auf einen projizierten Finanzbericht betonte Bellenhaus, bei seinem Widersacher und Wirecards ex-Chefbuchhalter von Erffas Version „fehlen für 2016 eindeutig Nachkommastellen“. Für Oliver Bellenhaus und dessen Anwälte scheint so ein Detail offenbar das Gütesiegel für Authentizität und lupenreine Unschuld schlechthin zu sein.
Bei den Themen Umsatz- und Ergebnisziele behauptete Bellenhaus, diese seien stets und ausschließlich zwischen ihm, dem Chef des Dubai-Ablegers, und von Erffa per Telegram oder Telefon abgestimmt und gemeinsam gefälscht worden. Nichts, so scheint es, untermauert wahre Unschuld besser als verschlüsselte Chatblasen, die nie vorgelegt wurden und wohl für immer verschwunden sind. Weitere Ansprechpartner? Jan Marsalek und von Knoop, ebenfalls via Telegram. Treffen mit anderen wichtigen Akteuren hingegen umgab sein Gedächtnis nach zuvor erstaunlicher Präzision plötzlich mit einem undurchdringlichen Dunst. Die sogenannte „Kerntruppe“ erhielt eine Tarnkappe, einige Namen wollten dem Kronzeugen nach seinem Dezimalstellen-Exkurs nun partout nicht mehr einfallen.
IT-Betriebssicherheit bei Wirecard-Dubai gestaltete sich laut Bellenhaus als kreative Mixtur aus NordVPN, einer „Enigma Box“ und anderen VPNs – teils von Amazon, dem Lieblingshändler für Compliance-Fragen. Die Enigma Box beschrieb er als Router, der einen Tunnel zu einem Exit-Point aufbaue; dies sei „praktisch, um im Ausland deutsches Fernsehen zu schauen“, eine Erklärung, die er als ehemaliger Dubai-Geschäftsführer hier ernsthaft vortrug. Telegram-Anrufe würden damit besonders privat. Ein Schweizer Taschenmesser also für Verschleierung und zum Schauen der Bundesliga – letztere offenbar zu schnell gespielt für NordVPN, weshalb auch Markus-Lanz-Talkshowrunden besser über Bellenhaus' Enigma-Box in Dubai liefen. Völlig normale Praxis, bitte keine weiteren Fragen.
Auf die Frage nach den exakten Einsatzzeitpunkten dieser Enigma Box erklärte Bellenhaus dem Gericht, dieses „verstehe das ganze nicht“ richtig – eine sicherlich vertrauensbildende Aussage, besonders nach Jahren des Ausweichens vor dem Fragenkatalog. Er verkaufte die Technologie als Kombination aus Privatsphäre-Tool und Traffic-Routing. Eine praktische Lösung, wenn man möglichst keine digitalen Fußabdrücke hinterlassen möchte.
Beim Thema Third-Party Acquiring (TPA) oder Drittpartner-Geschäft blieb Bellenhaus hartnäckig wie immer schon: Trotz zahlreicher Zeugen und sogar eines Marsalek-Briefs an das Gericht vor 1,5 Jahren behauptete er, „es gab kein echtes TPA-Geschäft“. Al-Alam ? „Keine realen Aktivitäten, zu keinem Zeitpunkt.“
Beim Thema Third-Party Acquiring (TPA) Geschäft blieb Bellenhaus hartnäckig wie immer schon: Trotz zahlreicher Zeugen und sogar eines Marsalek-Briefs an das Gericht vor 1,5 Jahren behauptete er, „es gab kein echtes TPA-Geschäft“.
Welche Dienstleister waren eingebunden ? „Keine“, so der nord-bayerische Super-Kronzeuge unverändert. Die Besetzungsliste der TPA-Räuberbande sei lachhafter Weise ausschließlich auf Marsalek, Dr. Braun, von Erffa, Manu Sahu, Shanmugaratnam und Henry O’Sullivan beschränkt gewesen. Mit dieser Darstellung fiel der Vorhang zu einer kurzen Pause.
Server, MacBooks und Bitcoin: Die Spurenverwischung des Kronzeugen
Die Geldwäscheaufsicht bei Wirecard gestaltete sich Bellenhaus zufolge erstaunlich „freundlich“. Er schilderte eine freundschaftliche Beziehung zum zuständigen Wirecard-Beauftragten Kohlpainter, inklusive Abendessen in Dubai. Die Gespräche seien „professionell“ gewesen, Details blieben jedoch elegant und leer. Persönliche Gefälligkeiten ? Verneint. Die Schilderung war freundlich, professionell und gerade vage genug, um für die Aufklärung nutzlos zu sein – auch bezüglich der Dubai-Besuche des Wirecard Compliance-Beauftragten.
Bei der Täuschung der Wirtschaftsprüfer beanspruchte Bellenhaus auch weiterhin die absolute Alleinverantwortung für den gesamten TPA-Komplex – „nur ich“, Bellenhaus war seiner offenbar wahnhaften Ansicht nach alleiniger Täter und Ansprechpartner. Der Austausch diesbezüglich habe mit von Erffa, Marsalek und Knoop stattgefunden. Interne Berichte gingen zwar an Elsner, Zitzmann, doch diese wollte er nicht als Kontrollinstanzen gelten lassen. Für TPA-Kontrollen verwies er ausschließlich auf ein Dubai-Auditteam, das selbstverständlich nur bei ihm angesiedelt war. Zusammengefasst: Bellenhaus inszeniert sich als alleinverantwortlichen Zentralakteur eines TPA Geschäfts, das es höchst angeblich niemals gegeben haben soll; welches er ebenso angeblich einzig im Auftrag von anderen fälschte – um für genau diese Rolle im Juli 2020 zum Kronzeugen der Staatsanwaltschaft München und vor bald 1,5 Jahren aus der Haft entlassen zu werden. Verstehen alle endlich, was hier passiert ?
Der Juni 2020, die Finalphase von Wirecard, brachte bizarre Enthüllungen im Fragenkatalog. Bellenhaus spricht von Kundengesprächen, Bankeinlagen und seiner Vorbereitung auf die Untersuchungshaft, die den Kauf einer „nicht-elektrischen Zahnbürste und Zahnpasta“ umfasste – merkwürdig, da vor dem Zelleinzug ohnehin alles abgenommen wird. Eine hübsche PR-Geste, die dennoch bei einigen im Saal zog. Wesentlich brisanter waren seine Eingeständnisse von Zugriffen auf etliche Wirecard-Server auch nach dem 18. Juni 2020, teils über Dritte und Cloud-Server. Jeder Zugriff ändere Daten, meinte er, wohl damit auf eine Veränderung des Zeitstempels anspielend. Zugriffsrechte habe er mehrfach geändert und auch komplett beendet. Eine ideale Methode, die Spurensicherung der Ermittler selbst zu einer detektivischen Nachuntersuchung zu bedingen.
Befragt zu Datenlöschungen, reagierte Bellenhaus brüsk – wie man nur darauf kommen könne. Kontakt mit Marsalek nach dem Wirecard-Zusammenbruch bestätigte er jedoch. Am 19. Juni 2020 gegen 20:20 Uhr reiste Bellenhaus zunächst nicht direkt nach Deutschland, sondern von Dubai in die schöne Schweiz. Dort blieb er einige Tage, wie er angibt, bevor es nach München ging. Ein Reisekatalog der Panik, hinter dem die Verteidigung bereits vom Ende des Flurs her Datenmanipulation witterte.
Den absoluten Highlight des Tages lieferte Bellenhaus mit seiner Enthüllung, er habe sein früheres Firmen-MacBook bei eBay verkauft. Die dazugehörige eBay-Angebots-Anzeige ließ er im Saal aufblitzen wie ein Zauberer sein Kaninchen aus dem Hut holt. Das Foto zeigte einen MacBook Pro von 2019 mit arabischer Tastatur – eine seltsame Wahl für einen deutsch-englischen Dubai-Direktor. Schweizer Behörden hätten es beschlagnahmt, angeblich „ausgewertet“ und später seiner Frau zurückgegeben, die es neu aufgesetzt und verkauft habe. Auf die Richterfrage „und die Daten?“ antwortete Bellenhaus trocken: „Keine Ahnung.“ Sein Verteidiger sprang hektisch ein und behauptete, die Münchener Behörden hätten damals Mitte Juni 2020 ein Rechtshilfeersuchen an die Schweiz erwirkt, den Laptop beschlagnahmt und die Daten weiter nach München gereicht.
Der Richter kratzt sich danach am Kopf und meint, er könne sich an keinerlei entsprechende Verweise oder Vermerke in seiner Sammlung von Wirecard-Dokumenten erinnern - Richter findet dies alles, Zitat, "ziemlich komisch".
Der Richter kratzt sich danach am Kopf und meint, er könne sich an keinerlei entsprechende Verweise oder Vermerke in seiner Sammlung von Wirecard-Dokumenten erinnern - Richter findet dies alles, Zitat, "ziemlich komisch".
Offshore, Krypto und das große Ausweichen
Auch in Vermögensfragen wurde Bellenhaus ausweichend. Private Verbindungen zur Julius Bär Bank verneinte er, räumte aber ein, Konten für Kunden und für sich bei Standard Chartered und Swissquote geführt zu haben. Sein Jahresgehalt bezifferte er auf rund 180.000 Euro, plus Nebenrollen bei Tochterfirmen – ein hübsch diversifiziertes Erklärungsbündel. Noch interessanter wurde es beim Thema Krypto: Bellenhaus gab an, „so um die 30 Bitcoins“ besessen und sogar selbst „Bitcoin geschürft“ zu haben, als, Zitat, „das noch ging“. Technisch ist dieses Schürfen bereits von Beginn an äußerst aufwendig und hat sich seitdem nicht sonderlich geändert, eine Tatsache, über die er elegant hinweg skated. Seine 30 Bitcoins machten ebenso ein hübsches Vermögen von ca. 200.000 bis 500.000 Euro in 2019 und/oder 2020 aus.
Eine Firma, die die Verteidigung als Veruntreuungs-Konstrukt bezeichnet, stufte er als völlig normal ein, was angeblich auch die Münchner Staatsanwältin Lemmers bestätigt habe. Genau jene mittlerweile weltberühmte Staatsanwältin, die sich schon um die Geldwäschemeldung der deutschen FIU-Zollbehörde vom 15. Juli 2020 gegen Bellenhaus' eigene Levantine Stiftung in Liechtenstein kümmerte und diese unter den Tisch plumpsen ließ, da man an genau demselben Tag Oliver Bellenhaus zum Kronzeugen der Staatsanwaltschaft München kürte.
Bereits Ende 2019 gründete Bellenhaus laut Antworten hier im Gericht seine eigene Firma AdAugusta mit einem Startkapital von 400.000 Euro und Sitz im steuergünstigen Labuan – angezogen von der „High-Risk freundlichen Mentalität“ dort. Er pries sein tiefes „Big-Data-Know-how“ aus seiner Wirecard-Zeit an, Fähigkeiten mit vielfältigen, mal mehr, mal weniger auditfesten Anwendungen. Bei Offshore-Verbindungen nannte er Clearwater Capital Ltd. und Clearwater International und fügte beiläufig hinzu, eine dieser Clearwaters sei „der Hauptsitz der Scientology“. Eine beachtliche Randnotiz, die zeigt, wie surreael der Prozess an manchen Stellen bereits ist.
Die Finanzierung großer Projekte betreffend, wurde Bellenhaus endgültig vage. Ob der Staatsfonds aus Abu Dhabi in Wirecard investiert habe ? Trotzig bayerisches Schulterzucken von Oliver Bellenhaus: „Fragen Sie doch einfach die SoftBank, oder Dr. Braun.“ Basta, ich habe fertig.
Fazit des Tages: Geräte wurden verkauft, Datenvernebelung betrieben und das für die gesamte staatsanwaltschaftliche Anklage, sowie den gesamten Skandal so wichtige TPA- oder Drittpartner-Geschäft wirkt weiterhin wie eine existierende nicht-existente Pointe, die ihre Pointe verloren hat.
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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.