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Der KPMG Zeuge
Vernehmung eines Managing Partners von KPMG
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   Dunkler Lesemodus
#Munich   #Germany  
Im Münchner Landgericht Stadelheim herrschte durchaus gespannte Stille, als Dr. Rainer Thiede, Partner der Prüfungsgesellschaft KPMG, im Wirecard-Prozess vernommen wurde. Der Zeuge, der 2019/2020 die forensische Sonderuntersuchung zu Wirecards Drittpartnergeschäften (TPA/MCA) leitete, wirkte übermäßig kontrolliert und stockte wiederholt. Seine Aussagen offenbarten erschütternde Bilder: bei Wirecard systematisch verweigerte Zugänge zu Beweismitteln, Druck auf die Prüfer – inklusive vielfachen, ziemlich auffälligen Gedächtnislücken des Zeugen nach "nur" 5 Jahren.

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Dr. Rainer Thiede wischt sich über die Stirn. Seine Finger trommeln nervös auf den Tisch der Zeugenbank. „Ähm… ich stecke da nicht drin!“, stammelt der KPMG-Partner zum dritten Mal in zehn Minuten. Vorsitzender Richter Födisch fixiert ihn: „Doktor Thiede, das können Sie nicht ernst meinen. Hier geht es um Milliardenbetrug.“  Der Saal atmet mit. Was an diesem Tag im Münchner Wirecard-Prozess offenbar wurde, ist mehr als eine Zeugenvernehmung: Es ist die Anatomie eines Prüfungsdesasters.

„Keine Erinnerung“: Der Mantel des Vergessens

Auf die Richterfragen zu Kernpunkten antwortete Thiede fast 30-mal mit „weiß ich nicht mehr“, „keine Erinnerung“  oder „steckte nicht drin“.  So etwa zur Identität der TPA-Ansprechpartner (Marsalek, Bellenhaus, Frau Schneider) oder zu Vertragsunterlagen: „Einige falsch unterzeichnet, unterschiedliche Versionen – viele Fragezeichen.“  Auf die Frage nach Händlerverträgen, essenziell zur Transaktionsnachverfolgung, kam ein „kann sein… ähm… ich war da nicht drin!“.  Protokolle von Vorstandssitzungen fehlten: „Selbstverständlich müsste es sie geben“,  räumte Thiede ein, konnte aber nicht erklären, warum Wirecard diese zurückhielt.

Thiede, 2019/2020 Leiter der forensischen Sonderuntersuchung zu Wirecards Phantomgeschäften, wirkt wie jemand, den seine eigene Vergangenheit einholt. Die ungefähre Protokollstatistik des Tages ist vernichtend, angesichts des größten Finanzskandals in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands von vor „nur" 5 Jahren:

27 x „Keine Erinnerung“
12 x „Ähm… steckte da nicht drin“
9 x „Weiß nicht mehr“
1 x Schweigen auf die Richterfrage: „Haben Sie sich eigentlich vorbereitet?“

Die Ausflucht-Strategie des Zeugen wird zügig zum System. Richter: „Wer kontrollierte die TPA-Zahlungen? Wer war verantwortlich?“  Thiede (mit den Füßen leicht wippend): „Verschiedene Ansprechpartner… Marsalek, Bellenhaus, Frau Schneider… ähm… Unterlagen gab es wenige.“  Der Richter wirft Verträge auf Projektor: „Hier! Falsch unterzeichnete TPA-Verträge – unterschiedliche Versionen! Warum?“  Thiede: „Wir hatten viele Fragezeichen… ähm… steckte da nicht richtig drin!“ 

Ein Schlüsselmoment: Der Richter projiziert eine Wirecard-interne „System Structure“-Grafik vom 21. November 2019 auf den Gerichtsprojektor. Sie zeigte Wirecard als direkten Dienstleister zwischen TPA-bezogenen Händlern und Zahlungsdienstleistern – eine Darstellung, die laut Richter „irreführend“ sei, da das TPA-Geschäft laut eigener Beschreibung lediglich die Treuhandkonten umfasste. Thiedes Reaktion: „Habe da inhaltlich keine Erinnerung.“  Auf Nachfrage, warum EY eine abweichende Darstellung als KPMG nutzte, teilte der Zeuge mit: „Weiß ich auch nicht."

Die Phantom-Händler und abgefangene Post

Brisant: Die Untersuchung von 34 Händlern der Wirecard-Tochter Al Alam ergab, dass diese laut Thiede „überhaupt kein Geschäft“ machten. Einige Firmen waren bereits aufgelöst, darunter Firmen in Tokio, Moskau und Los Angeles. Thiede bestätigte: „Genau!“,  vergisst aber zu erwähnen, dass man die Strukturen hinter diese Phantom-Firmen, die man auch frühzeitig bei der Financial Times immer wieder als schlussendlichen Beweis von Wirecard-Scheingeschäften heranzog, niemals wirklich untersucht hat. Was von der Verteidigung von Dr. Braun und der des ehemaligen Chefbuchhalters Stephan von Erffa seit Jahren angemahnt, bemängelt, mit Anträgen auf Absetzung der Richter und massiver Kritik an den Anwälten der Staatsanwaltschaft München beantwortet wird.
Trotz laufender Prüfungshemmnisse veröffentlichte Wirecards Aufsichtsrat - nicht das Management - eine Ad-hoc-Meldung, die originäre, echte Daten zum Beweis der TPA Transaktionen in der Hand von KPMG behauptete.
Was wiederum von den Staatsanwälten und auch vom vorsitzenden Richter teils kreischend niedergebrüllt wird.

Zugleich scheiterten dann schlussendlich die Trehand-Bankbestätigungen in Manila, nachdem Thiede über den Treuhandwechsel von Singapur in die Phillipinen im Dezember 2019 zum Ende eines längeren Meetings mit Jan Marsalek bereits ziemlich kritiklos unterrichtet wurde: „Ja, ich fand den Treuhänderwechsel schon irgendwie komisch.“

Immerhin „verschickten wir bei KPMG Anfragen zu den Saldenbestätigungen weltweit über unser eigenes KPMG-Netzwerk", da andere, per regulärem Einschreiben verschickte Saldenbestätigungen, Zitat, „abgefangen wurden“.  Oliver Bellenhaus fragte später nach, wie Thiede eigentlich wissen könne, dass die postalischen Saldenbestätigungen abgefangen wurden, „stand das auf den Einschreiben-Zetteln drauf?“.

Thiede weiter: „Die Bank in Manila [Anmerkung der Redaktion: OCBC Bank, große Bank in Asien, u. A. von Moodys als ausgesprochen verlässlich bewertet] bestätigte uns: Nichts existiert.“

Als man irgendwo bei Wirecard Ende April 2020 plötzlich Händlerlisten nachreichte, wurden diese dann von KPMG ignoriert – der Bericht war bereits fertig, die ersten Vorboten eines kommenden, offenbar bewusst geplanten Zusammenbruch Wirecards klar erkennbar. Wartete man etwa einfach so lange bei KPMG, bis man den Treunhänderwechsel von Singapur zur OCBC Bank in Manila gefestigt hatte und die fast 2 Milliarden Wirecard-Treuhandgelder einfach nicht mehr ausfindig machen konnte?

Dass dem Wirecard CEO Dr. Markus Braun irgendwann der Kragen platzte, wird ihm konsequent seit Jahren angelastet. Dass er teilweise auch rechtlich für ein Wachsen des Unternehmens verantwortlich ist, wird im gesamten Justizapparat Münchens regelrecht verteufelt. Der Beweis gegen Braun: angebliche Androhung von „elektrischem Stuhl“  gegen einen KPMG-Mitarbeiter und „kapitalmarktfreundliche Berichterstattung“ der KPMG-Befunde. Es wird wieder und wieder eruiert, wie in einem Protokoll vom 11. März 2020 es heißt, Braun habe „absolutes Herrschaftswissen“  über TPA beansprucht, obwohl dies bei Marsalek, Bellenhaus und anderen lag. Braun habe weiter gegenüber KPMG-Manager Alexander Leitz gedroht: „Ich habe den Drücker zu seinem Stuhl in der Hand“,  um danach KPMG Mitarbeiter Leitz in die Skihütte Dr. Brauns einzuladen. Thiede bestätigt: „Das wurde nicht gut befunden!“.  Dennoch räumte er ein, dass Wirecard am 17. April 2020 eine Liste mit wichtigen „Anmerkungen zum KPMG-Berichtsentwurf lieferte – wo dieser KPMG Bericht nicht schlüssig, nicht angepasst war“.

Ad-hoc-Meldung, das große Schweigen und das Prüfungsdesaster

Zum Eklat kam es laut Zeugen am 22. April 2020: Trotz laufender Prüfungshemmnisse veröffentlichte Wirecards Aufsichtsrat - nicht das Management - eine Ad-hoc-Meldung, die „originäre, echte Daten“ zum Beweis der TPA Transaktionen in der Hand von KPMG behauptete. Thiede gestand, KPMG habe nicht öffentlich widersprochen – obwohl deren Vertrag dies bei „irreführenden“ Aussagen des Aufsichtsrats ausdrücklich erlaubte. Sein Rechtfertigungsversuch: „Es ist nicht unsere Aufgabe, Ad-hoc Meldungen zu widersprechen.“

Am Ende stand ein vernichtendes Urteil des Zeugen selbst: „Wir konnten die Transaktionen nicht nachvollziehen. Entscheidende Nachweise – Bankbestätigungen, vollständige Transaktionsdaten – kamen nie.“ Nachdem der Richter fragte, ob Thiede sich auf die Vernehmung vorbereitet habe, herrschte Stille im Saal.


Die Erinnerungslücken des KPMG-Partners wurden zum Sinnbild eines Prüfungsdebakels, das den Wirecard-Skandal begleitete. Oder erwirkte das Prüfungsdebakel den Skandal zuerst?







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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.


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