Jan Marsalek, der ehemalige COO des Mitte 2020 insolvent gewordenen Wirecard-Konzerns und eine der meistgesuchten Personen der Welt, ist im Westen Europas zu so etwas wie einer Matroschka-Figur mit dem Gesicht Moskaus geworden. Der
Spiegel fragt, ob er ein Agent Russlands sei, und beantwortet die Frage mit Ja. Reuters befördert ihn vom Betrüger zum russischen Spionagechef. Das ZDF kündigt einen Film an:
Russlands Top-Spion. Eine deutsche Erzählung, die gerade als
Das Doppelleben des Wirecard-Vorstands kursiert, bietet dasselbe Doppelleben an, das der Rest des Chors bevorzugt: das nach Osten. Am Old Bailey in London wurde im März 2025 eine bulgarische Zelle wegen Spionage für Russland verurteilt. Marsalek wurde als der Mann in Moskau besetzt, der sie führte, angeklagt hat man ihn aber nicht.
Die
Financial Times hält derweil die unbequemere Marsalek-Matroschka. Sie hat die Nachrichten in einer Folge des
Hot Money Podcasts laut vorgelesen und dann das getan, was die FT schon 2018 getan hatte: sie als seltsame Nebenbemerkung behandelt. Die Zitate stehen in
Des Onkels CIA Fixer und egal wie sehr man die größeren Matroschkas öffnet, das Bild der darin vergrabenen, kleineren Puppen bleibt immer das gleiche.
Die Puppe mit dem einen Gesicht
Fast jeder Bericht und ein guter Teil der Gerichtsakten geben Jan Marsalek ein Gesicht: das Moskaus. Spiegel, Reuters und ZDF nennen ihn einen russischen Spion. Am 7. März 2025 verurteilte das Old Bailey eine bulgarische Zelle wegen Spionage für Russland und besetzte ihn als den Mann in Moskau, der sie führte. Im Oktober 2026 nannte München dieselben Behauptungen völlig unbestätigt und weigerte sich weiter, die andere Hälfte der Akte zu lesen.
Vierzehn Monate später
Am 17. August 2021, vierzehn Monate nach seiner Flucht, bat Marsalek Orlin Roussev um zwielichtige Flugzeuge, um Auftragnehmer aus Kabul zu holen. Die Anfrage, schrieb er, komme von Freunden bei der CIA. Dieselben Chats zeigen ihn in Moskau im Clinch mit dem FSB. Die Londoner Anklage sagte, es gebe keinen Beleg für eine CIA-Anfrage, und nannte, wie Reuters berichtete, die US-Firma Constellis als Auftraggeber.
Die Onkel
Die westliche Tür stand schon im Winter 2018 offen, als Marsalek noch bei Wirecard saß. E-Mails an einen ProtonMail-Kreis namens The Uncles baten um Hilfe, die österreichische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Die Financial Times sagt, einer sei ein sehr hochrangiger früherer CIA-Offizier gewesen, ein anderer ein früherer US-Botschafter. Die Zeitung legte die Kette als nebensächlich ab und hat die Namen nicht genannt.
Die Fortsetzung der Illusion
Die Botschafter standen vor der Flucht in der Leitung. Die Anfrage, die er der CIA zuschrieb, kam danach, während er offenbar nach Gutdünken des FSB lebte. Der Westen zeigt nach Osten, der Osten nach Westen, und dem Publikum wird nur der Austausch der Zerrbilder gezeigt. Die Fortsetzung endet, wenn diese Akte in beide Richtungen gelesen wird.
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Die Puppe mit dem einen Gesicht
Die öffentliche Fassung ist inzwischen ein verlässliches Theaterstück. Marsalek, der operative Vorstand von Wirecard, verschwindet im Juni 2020, als die Firma zusammenbricht. Er taucht, gestützt auf Reisedaten, Chats und durch Investigativarbeit von Journalisten und Polizei in Moskau auf. Von dort, sagen die britischen Ankläger, habe er Orlin Roussev und einen bulgarischen Ring gesteuert, der in ganz Europa für den russischen Geheimdienst spioniere. Als das Old Bailey am 7. März 2025 drei von ihnen verurteilte, schrieben sich die Schlagzeilen von selbst. Reuters: ein Flüchtiger, der „ein russischer Spion war und Spionageoperationen in ganz Europa leitete,
laut Angaben der britischen Behörden“. Der Spiegel, ZDF, die österreichischen Blätter und der Dokumentarfilmbetrieb waren auf dieser Straße schon seit Jahren unterwegs. Die Matroschka wird geöffnet, darin ist in endloser Weise ein weiteres Matroschka-Püppchen vergraben, auf dessen Stirn einzig Moskau, GRU und FSB steht.
München, als es sich nach 4 Jahren Wirecard-Strafverfahren
endlich diesbezüglich meldete, ging ins andere Extrem und blieb genauso blind. Am 14. Oktober 2026 nannte die Wirecard-Kammer Behauptungen, Marsalek habe für den russischen Geheimdienst gearbeitet, „völlig unbestätigt“, bloße „vage Berichte in verschiedenen Presseartikeln“, und lehnte es ab, dessen Kommunikation überhaupt anzusehen. London verurteilt einen Spionagering und verortet ihn in Moskaus Hand, verpasst es aber gleichzeitig, Jan Marsalek in irgendeiner Weise persönlich anzuklagen. Münchens Matroschka ist anders: dort gibt man nach 4 Jahren bekannt, Marsaleks Russland-Verstrickungen seien bloßes Gerede, man verriegelt danach alle Türen und hinterlässt der Öffentlichkeit ein bayerisches Püppchen, das von allen Moskau-, FSB- und GRU-Markierungen gänzlich bereinigt worden ist.
Keine der beiden Haltungen passt zu den Belegen über Jan Marsalek, in denen er
mit beiden anderen Seiten spricht und kollaboriert. Ein Gerichtssaal kann nach Osten schauen, oder er kann sich weigern, irgendwohin zu schauen. Behaupten, man habe die echten Akten gelesen, kann man auf diesem Stand nicht.
Vierzehn Monate später
Das Datum, das die Kalte-Krieg-Fortsetzung hätte stoppen müssen, ist der 17. August 2021. Wirecard war seit vierzehn Monaten insolvent. Marsalek war flüchtig. Derselbe Telegram-Verkehr, mit dem London ihn als Mann Moskaus malte, zeigt ihn in eben dieser Zeit unter dem Daumen des FSB: im Clinch mit „dem Cash-Crypto-Typen und dem FSB“, wie er Roussev schrieb, auf die Genehmigung des Dienstes angewiesen für etwas so Kleines wie eine Putzfrau. Helen Warrell, die den Prozess für die
Financial Times begleitete, beschreibt ein Leben in Moskau, das eingeengt und beaufsichtigt war, einen Mann, der dem FSB und dem GRU seinen Nutzen beweisen musste. Das ist die Gefangenschaftsgeschichte, und sie steht in den Chats.
Sie ist aber nicht das Einzige, was in den Chats steht. Drei Tage nach Beginn der Luftbrücke von Kabul schrieb Marsalek an Roussev:
Interessante Anfrage von so etwas wie Freunden bei der CIA. Sie brauchen dringend Flugzeuge, um Auftragnehmer aus Afghanistan herauszufliegen. Anscheinend sind alle zwielichtigen Lufttransportfirmen in Russland, der Türkei und so weiter bereits ausgebucht oder weigern sich zu fliegen, weil die Versicherung den Verlust eines Flugzeugs nicht deckt. Kennt ihr jemanden, der ein bisschen zwielichtig ist und große Flugzeuge betreibt?
Jan Marsalek an Orlin Roussev, 17. August 2021, vorgelesen im Podcast der
Financial Times Hot Money, Folge 8, „Matryoshka“ (eigene Übersetzung)
Roussev antwortete, sein Vater sei jahrelang in „exotischen Gegenden“ geflogen, unter anderem mit Waffentransporten nach Afrika. Marsaleks Antwort war der Satz eines Mannes, der die Rolle genießt: „Amerika braucht dich. Die Pax Americana ruht auf deinen breiten und männlichen Schultern.“ Danach ging es um Flugzeugtypen, Kosten, Zeitplan, Landerechte und den Zustand des Flughafens. „Ich spreche gerade mit den Amerikanern“, schrieb er. „Anscheinend ist der Flughafen seit 11 Uhr heute in Ordnung. Und 15 Militärflugzeuge sind heute gestartet, aber das kann sich jeden Moment ändern.“ Das ist kein bayerischer Wirtshauswitz am Stammtisch. Es ist ein Einsatzchat, datiert, er wurde im Mai 2025 in einer Strafzumessungsverhandlung am Old Bailey verlesen, weil Roussevs Anwalt ihn zu den Akten haben wollte.
Die Anklageseite in London wollte diesen Chat ganz schnell wieder aus den Akten herausnehmen. Es gebe, sagte man dem Londoner Richter im Frühjahr 2025, keinen Beleg, dass die CIA je eine solche Anfrage gestellt habe, und auch kein humanitäres Motiv: Das seien Männer gewesen, die Arbeit von dem annahmen, der zahlte. Gerichtsunterlagen, über die Reuters berichtete, gehen einen Schritt weiter. Der Auftraggeber, so die Anklage, sei nicht direkt die US-Regierung gewesen, sondern
Constellis, ein privates, US-amerikanisches Sicherheitsunternehmen. Wir geben das wieder, was im Londoner Gericht vorgetragen wurde, nicht als Darlegung, die Nachrichten seien womöglich erfunden gewesen. Die Nachrichten
sind von Marsalek. Er schreibt die Anfrage „Freunden bei der CIA“ zu und sagt, er spreche „gerade mit den Amerikanern“, während Marsalek mit dem angeblichen Erzfeind Moskauer Staatsapparat im selben Moment um eine Putzfrau und eine Kryptozahlung ringt.
Sam Jones, der die Podcast-Serie der Financial Times recherchiert hat, lässt drei Möglichkeiten offen, und es sind die ehrlichen. Marsalek wurde getäuscht, und die Leute am anderen Ende hatten mit der CIA nichts zu tun. Er log, um Roussev zu beeindrucken oder das Wasser zu trüben. Oder es stimmte, und er versuchte wirklich, Flüge für Leute bei der CIA zu organisieren, oder für Leute in ihrer Nähe. Eine ernsthafte Zeitung hätte das Publikum an dieser Gabelung zu fesseln versucht und weiter recherchiert. Was das Publikum davor und danach bekam, war hingegen das fabrizierte Plakat vom Spionagechef aus dem Buckingham Palace.
Die Onkel, abgelegt als nebensächlich
Die westliche Tür war im Sommer von Kabul kein einmaliger Spalt. Sie stand schon im Winter 2018 offen, als Marsalek öfter mal an seinem Schreibtisch in Aschheim saß und noch niemand bei Wirecard irgendwohin geflohen war.
Ein anonymer Tipp schickte der
Financial Times eine Kette von ProtonMail-Nachrichten. Jemand in Hongkong war aus Versehen in Kopie geraten. Der Reporter der Zeitung holte Ausdrucke ab, und die wurden nach London gefaxt, eine reizende Art, ein Leck aus dem 21. Jahrhundert zu behandeln. Darin stellt sich Marsalek einem Kreis vor, der sich „The Uncles“ nennt, Die Onkel also. Er bittet um Hilfe, die österreichische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen: einen informellen Kanal zur amerikanischen Haltung und eine Hand dabei, „den innenpolitischen Dialog“ in Wien zu formen.
Einer von ihnen ist ein sehr hochrangiger früherer CIA-Offizier, jemand, der aktive Operationen in einem bestimmten Kriegsschauplatz beaufsichtigt hat. Ein anderer ist ein früherer US-Botschafter. Wir sprechen hier von Leuten, die im Grunde früheres US-Militär sind, frühere US-Geheimdienstler, die online miteinander reden und sich als Gruppe die Onkel nennen.
Paul Murphy, damals bei der
Financial Times, in
Hot Money, Folge 8. Die Zeitung hat sie nicht namentlich genannt. (eigene Übersetzung)
Die Financial Times Leute sagen, sie hätten die Verbindungen beiseitegelegt. Betrug war die Geschichte bei Wirecard, das Botschaftsmanöver sah schräg aus, und Schräges wird offenbar bei der FT unmittelbar unter nebensächlich abgelegt. Sieben Jahre später, mit den Kabul-Nachrichten auf dem Tisch, fragte sich Jones, ob es am Ende doch ein Netzwerk gegeben habe, „eine Gruppe mit Verbindungen zur CIA, in die Marsalek irgendwie hineingeraten war“. Sein eigenes Ergebnis, spät und leise, ist der Satz, den der Serientitel dann verrät: „Das ist nicht mehr nur eine Russland-Geschichte.“
Es lohnt sich, bei den Daten pedantisch zu sein, denn das Narrativ über Marsalek lebt davon, sie zu verwischen. Der frühere CIA-Offizier und der frühere Botschafter stehen in den E-Mails von 2018, vor der Flucht, nicht in einem Telegramm aus Moskau im Jahr 2021. Die Anfrage, die Marsalek Freunden bei der CIA zuschreibt, ist die spätere, August 2021, als die Presse ihn schon in Russland und unter den Augen des FSB hatte. Zusammengenommen wird das Bild für das Plakat schlechter, nicht besser. Westliche Geheimdienstkreise und pensionierte amerikanische Diplomaten saßen in seinem Posteingang, als er noch ein DAX-Vorstand war. Ein Jahr nach seiner Flucht, und während er offenbar nach Gutdünken des FSB lebte, nahm er noch immer das an, was er als Arbeiten für die Amerikaner beschrieb. Die Botschafter haben ihn nicht plötzlich in einer Moskauer Wohnung entdeckt. Die Beziehung war, nach der eigenen Darstellung der Financial Times, älter als die Legende.
Hot Money Podcast der Financial Times
Die Fortsetzung der Illusion
Nichts davon macht Marsalek zu einem westlichen Helden, und wir bewerben ihn nicht als solchen. Der Londoner Beleg, dass er einen Spionagering beauftragte, über Waffen, Diamanten und Drohnen sprach und mit russischen Diensten feilschte, gehört zur selben Akte. Ein Mann kann Moskaus Besorgungen erledigen und trotzdem zum Hörer greifen für Leute, die einmal in Langley und im State Department gearbeitet haben. Das ist kein Widerspruch. Es ist das älteste Geschäft der Branche. Der Kalte-Kaffee-Krieg dagegen ist die perfide Beharrlichkeit auf jedem massenmedialen Kanal, dass das Geschäft nur in eine Richtung laufe.
Die Projektion ist das Produkt. Für den Westen ist Marsalek ein Geschöpf Moskaus, der Beweis, dass der Feind dort drüben sitzt und die eigenen Dienste ihn in Russland einfach nicht fangen können. In Moskau taugt derselbe Mann als Trophäe und als Spiegel: der Betrüger des Westens, jetzt unserer, der beweist, dass die Fäulnis in München und London sitzt. Jede Seite hält die Matroschka hoch, die ihr schmeichelt. Jede Seite hat einen Grund, 'Die Onkel' ungenannt zu lassen und den Chat vom August 2021 vergraben in einer Gerichtsakte zu belassen, für dessen Wegwischen die britische Anklageseite gelobt wird. Das Publikum, dem nur der Austausch der Zerrbilder gezeigt wird, muss nie erwägen, dass Kreise in Washington und Kreise in Moskau jahrelang im selben Briefwechsel standen, mit demselben Flüchtigen.
Es ist eine Fortsetzung, und es ist ein Anachronismus: eine Neuauflage des Kalten Krieges, so inszeniert, dass die Überschneidung selbst nicht auf dem Programm stehen darf. Diese Neuauflage kann erst dann wirklich enden, wenn die Akte endlich in beide Richtungen gelesen wird. Dann erst, wenn ein früherer CIA-Offizier, ein früherer amerikanischer Botschafter und eine Anfrage, die Marsalek der CIA zuschrieb, als Teil des Falls behandelt werden und nicht mehr als nebulöser Störeffekt.
Bis dahin wird das Publikum nicht über Jan Marsalek und auch nicht über Wirecard voll informiert werden. Es wird, Schlagzeile für Schlagzeile, in einem Konflikt ertränkt, dem die Leute, die einander tatsächlich schreiben, schon seit langem nicht mehr beigetreten sind.
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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.