In den Annalen der Geschichte gibt es wohl nur wenige Persönlichkeiten, die einen so langen und rätselhaften Schatten werfen wie Professor Karl Haushofer, der deutsche Geopolitiker, dessen Ideen die ideologischen Grundlagen des Nazi-Regimes tiefgreifend geprägt haben. Oft zugunsten bekannterer Namen wie Adolf Hitler und Rudolf Hess übersehen, offenbart Haushofers Rolle bei der Ausarbeitung der expansionistischen Doktrinen des Dritten Reiches eine erschreckende Zusammenarbeit, die spätestens 1924 in einer bayerischen Gefängniszelle begann.
Haushofers prägende Jahre und die Japan-Mission (1908–1910)
Karl Haushofer wurde 1869 in München geboren und war bayerischer Berufsoffizier (Hauptmann) und Wissenschaftler. Im November 1908 wurde er vom deutschen Generalstab als Militärattaché nach Tokio entsandt, um die kaiserliche japanische Armee zu studieren und in Fragen der Artillerie zu beraten. Zusammen mit seiner Frau Martha reiste er über Indien und Südostasien und kam im Februar 1909 an, wo er von Kaiser Meiji empfangen wurde. Dies, während sein damals junger Sohn Albrecht zu Hause in Garmisch-Partenkirchen zurückblieb,

Karl Haushofer in Japan, ca. 1910
nicht weit entfernt vom späteren Kontrollzentrum Adolf Hitlers - der Festung
Berghof in den bayerischen Alpen.
Japans
Sieg über Russland im Jahr 1905, einschließlich der Annexion der Mandschurei, beeindruckte Karl Haushofer und seine Frau zutiefst. Der Krieg förderte ein Gefühl des Nationalismus und Stolzes in Japan und legitimierte den militärischen Einfluss auf die Regierungsgeschäfte in Ostasien weiter. Der Krieg deckte aber auch Schwächen in der militärischen Führung und Logistik Russlands auf, was zu bedeutenden politischen Veränderungen in Russland führte, darunter die erste Russische Revolution von 1905.
Russland stand damals vor schweren wirtschaftlichen Herausforderungen, die durch industrielles Wachstum - welches Arbeitsbedingungen extrem belastete -, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Lebensmittelpreise gekennzeichnet waren. Eine große Kluft zwischen der wohlhabenden Elite einerseits, sowie einer weitgehend verarmten Bauernschaft andererseits schürte weiter Unzufriedenheit. Die autokratische Herrschaft von Zar Nikolaus II. unterdrückte politische Dissidenten, sodass viele in Russland auf Reformen drängten.
Die erste Russische Revolution und das Oktobermanifest von 1905 (nicht 1917!)
Eine friedliche Protestkundgebung unter der Führung von
Pater Georgi Gapon marschierte am Sonntag, dem 22. Januar 1905, zum Winterpalast in St. Petersburg, um Reformen und das Recht auf Versammlungsfreiheit zu fordern. Die Truppen des Zaren eröffneten das Feuer auf die Demonstranten, töteten und verwundeten hunderte von Menschen, was die öffentliche Wut weiter schürte und eine Welle von Streiks und Protesten im ganzen Land auslöste. Nach diesem ersten „Blutigen Sonntag“ beteiligten sich verschiedene Gruppen – darunter Arbeiter, Studenten und Soldaten – an Streiks und Aufständen im gesamten Russischen Reich und forderten politische und soziale Reformen.

Japans Sieg über Russland und Einnahme der Mandschurei, 1905
Als Reaktion auf die wachsenden Unruhen veröffentlichte der russische Zar Nikolaus II. 1905 das Oktobermanifest(!), in dem er bürgerliche Freiheiten und die Einrichtung eines gesetzgebenden Organs, der Duma, versprach. Die Duma sollte den Anschein einer politischen Vertretung des russischen Volkes erwecken, wurde jedoch in den folgenden Jahren stark vom Zaren kontrolliert, bis 1917 die zweite, echte Revolution unter der Führung von Lenin und den Bolschewiki stattfand.
Karl Haushofer sah – zusammen mit seinen preußischen und bayerischen Militärführern – unterdessen in der selbst wahrgenommenen Überlegenheit Japans offenbar ein Vorbild für dicht besiedelte, angeblich
„überlegene” Nationen wie Deutschland, die durch die Eroberung riesiger Gebiete wie Russland
„Lebensraum” benötigen würden.

Alfred Leitgen, Karl Haushofer, Gerhard Wagner, Rudolf Hess, Prinz zu Wied am 13. Mai 1935
nach Empfang durch König Carl Gustav V. in Stockholm, Schweden
Das „Seminar“ im Gefängnis von Landsberg (1924): Die Entstehung von „Mein Kampf“
Nach dem gescheiterten Bierkellerputsch wurden Hitler und Hess zu einer milden „Festungshaft” im Gefängnis von Landsberg verurteilt – komfortable Unterkünfte mit Besuchern, Schreibmaschinen und sogar Bierlieferungen,
ermöglicht durch wohlwollende bayerische Beamte.

Hitler, Hess und andere im Landsberger Gefängnis, 1924
Und Prof. Karl Haushofer wurde schnell Teil dieser Gesellschaftsgruppe im Gefängnis von Landsberg im Jahr 1924.
Rudolf Hess, ehemaliger Student von Prof. Karl Haushofer, arrangierte häufige Besuche in Landsberg (über 30 sind dokumentiert); Haushofer fuhr jede Woche von München zum Gefängnis Landsberg und durfte morgens und nachmittags Unterricht mit seinen beiden Studenten im Gefängnis abhalten. Dabei handelte es sich um intensive Vorlesungen über Geopolitik, Autarkie, Allianzen (z. B. mit Japan) und die Eroberung Russlands. Hess tippte täglich Notizen; Hitler diktierte. Karl Haushofers Ideen flossen in die außenpolitischen Abschnitte von
Mein Kampf ein, was Haushofer in seiner Nürnberger Vernehmung von 1945 zugab:
Frage: Ist es nicht so, dass Heß mit Hitler bei der Abfassung von „Mein Kampf“ zusammengearbeitet hat?
Haushofer: Soweit ich weiß, hat Heß tatsächlich viele Kapitel dieses Buches diktiert. Heß konnte tippen, Hitler konnte es nicht.
Frage: Dann verstehe ich richtig, dass Sie diese Dinge mit Heß besprochen haben und Heß sie dann wiederum Hitler erklärt hat und so das Buch entstanden ist?
Haushofer: In den Fällen, in denen ich sah, dass weder Hitler noch Heß eine geographische Vorstellung hatten, habe ich versucht, Heß aufzusuchen und ihm die Grundlagen des
Buches von Ratzel zu erklären, das sich mit politischer Geographie beschäftigt, zweite Auflage. Ich habe ausdrücklich auf die zweite Auflage hingewiesen, weil später eine dritte Auflage erschienen ist, die von einem Wiener Geographen namens Oberhammer modernisiert wurde.
Frage: Haben Sie den Eindruck gehabt, dass in allen Fällen die richtige Version, die Sie gegeben haben, von Hitler übernommen wurde?
Haushofer: Ich hatte immer den Eindruck, dass er sie aus seinen Reden heraus nie wirklich verstanden hat.
Frage: Aber hatten Sie den Eindruck, dass er zumindest versucht hat, Ihre Lehren zu übernehmen?
Haushofer: Er hat manchmal Versuche gemacht, aber, wissen Sie, ich erinnere mich genau: Wann immer Heß eine Sache verstanden hatte und versuchte, sie Hitler zu erklären, kam Hitler meist mit einer seiner neuen Ideen für eine Autobahn oder irgendetwas anderes, das damit nichts zu tun hatte, während Heß nur dastand und nichts mehr dazu sagte.
Karl Haushofer
während seines Verhörs im Rahmen der Nürnberger Prozesse, 1945 (Seite 6) /
Original beim NARA
Das Jahr 1924 markierte auch den Zeitpunkt, an dem Karl Haushofers wohl berühmtestes Buch
Geopolitk des Pazifischen Ozeans veröffentlicht wurde. In diesem Werk forderte er Japan und Deutschland zur Kooperation und Zusammenarbeit auf, dies mit dem Idealziel, Russland, China und Indien mit einzubeziehen um gegen die atlantischen Mächte England, Frankreich und die USA zu kämpfen: eine Blaupause für die anfängliche Nazi-Auslandspolitik-Zeit.
Das Buch wurde schnell ins Japanische und Russische übersetzt, bereits 1925 wurde ein erstes russisch-japanisches Abkommen unterzeichnet. Karl Haushofer war nicht nur Mentor für die Ausarbeitung von
Mein Kampf im Landsberger Gefängnis sowie globaler Politikgestalter mit enormen Einfluss, sondern ebenso Architekt der ersten Phase außenpolitischer Geopolitik der Nazis nach 1933.
Haushofer und Hess' englische Verbindungen – zusammen mit Neville Chamberlains antisemitischer Haltung und dessen Widerstand gegen weitere jüdische Einwanderung nach Palästina – haben sicher in den Jahren vor September 1938 das berüchtigte Münchner Abkommen vorangetrieben, das Deutschland freie Annexion des Sudetenlandes und Teilen der Tschechoslowakei ohne großen internationalen Widerstand garantierte.

Joachim von Ribbentrop in London, ca. 1937
Die inneren Dynamiken des Nazi-Zirkels im Zusammenhang mit dem Einmarsch in Polen wurden jedoch nie wirklich in den Fokus gerückt, als Haushofer und Hess langsam ins Abseits gedrängt wurden; ab 1941 mit der deutschen Kriegserklärung an Russland dann vollends.
Bereits ab 1939 hatten radikale Militärführer das Sagen, nach dem Erfolg des Blitzkriegs in Polen und dem Abbruch fast aller internationalen Beziehungen schien man vorrangig ein Ziel vor Augen zu haben: Russland von den bolschewistischen Führern zu befreien. Lenin und die ersten bolschewistischen Führungskräfte wurden ironischer Weise von niemand anderem in den ersten Jahren finanziell und logistisch unterstützt, als durch den deutschen Kaiser in Berlin,
wie wir heute Dank lange Zeit unbekannter Dokumente wissen.
Die Kräfte, die 1919 zum
Zusammenbruch des Deutschen Reiches und zur Flucht des deutschen Kaisers in die Niederlande geführt hatten, sollten erneut zu den wirklichen Kriegsgründen werden, nicht mehr nur
Lebensraum und Geokontinentalblock-Politik. Einziger Verbündeter der Nazis schien ab 1941 lediglich nur noch Japan zu sein, wo Haushofer enormen Einfluss unter Intellektuellen und Militärs hatte. Nur fünf Monate nach der deutschen Kriegserkärung an Russland erfolgte Anfang Dezember 1941 der japanische Angriff auf Pearl Harbor, über den einige annehmen, dass dieser seinen geistigen Ursprung bei niemand anderem als Karl Haushofer hatte.
Haushofer hatte bereits ab 1924 Japan angeraten, die südlichen und westlichen Inselstaaten zu annektieren und als Teil der japanischen Sphäre zu deklarieren. In Japan ging man soweit, die deutschen Tonierungen von Haushofers Schlüsselwörtern in die japanische Sprache zu integrieren. Belegt ist, dass man - besonders auch wegen Karl Haushofer - in japanischen Militärkreisen der bereits damals unleugbaren industriell-wirtschaftlichen Überlegenheit der USA zustimmte, man jedoch vollends davon überzeugt gewesen ist, dass nun eine neue Phase wissenschaftlicher Geopolitik angebrochen sei. In dieser würden angeblich überlegene geographische Charakteristika eines Landes sogar einen Krieg mit den USA für Japan entscheiden.
Joachim von Ribbentrop, der gut sechs Monate vor dem Münchner Abkommen als deutscher
Botschafter in Großbritannien abgesetzt wurde, sowie dessen Rolle nach 1938, wird bis heute weitgehend unterschätzt.
Haushofer selbst stellte klar, dass Ribbentrop einen enormen Einfluss auf Hitler hatte. Tatsächlich gewann Ribbentrop weiteren Einfluss, nachdem er Anfang Februar 1938 aus London abkommandiert wurde,
um Reichsaußenminister zu werden. Nicht nur die Rolle von Joachim von Ribbentrop wird bis heute unterschätzt, sondern auch die von Rudolf Hess, die von Karl Haushofer und von München an sich – einer Stadt, die nach 1945 schnell wieder zu einem globalen
Hotspot für politisch-militärische Einflussnahme wurde.
Familiäre Bindungen: Klärung von Herkunft und Tragödien
Entgegen einiger falscher Annahmen war
Karl Haushofers Vater kein Jude. Max Haushofer (1839–1901) war ein christlicher Landschaftsmaler und Professor ohne dokumentierte jüdische Herkunft. Die Familie stand dem Christentum kritisch gegenüber und bevorzugte den säkularen Darwinismus. Offenbar im Gleichtakt mit dem Bildmaler Adolf Hitler, der eigentlich vorhatte, an der Universität in Wien Kunst zu studieren und sein Leben lang begeisterter Maler blieb.
Karl Haushofers Ehefrau und frühe Frauenrechtlerin Martha Mayer-Doss (1877–1946)
wuchs jedoch in einem jüdischen Umfeld auf. Ihr Vater, Georg Ludwig Mayer-Doss (1847–1919), war ein jüdischer Industrieller aus einer prominenten deutsch-jüdischen Familie - die Mayers waren seit Generationen Hoflieferanten in der Pfalz, einst Teil des Königreichs Bayern.

Martha and Karl Haushofer
Georg Ludwig Mayer-Doss ließ sich nach seiner Heirat taufen und konvertierte damit zumindest offiziell im Erwachsenenalter zum Christentum.
Der steinreiche Georg Ludwig Mayer-Doss ging früh in den Ruhestand, ließ sich in Garmisch-Partenkirchen nieder, baute eine Villa (in der Karl Haushofers Sohn Albrecht während der Fernostreise seiner Eltern von 1908 bis 1910 Zeit verbrachte) und
erwarb Ländereien wie Gut Hartschimmels Hof bei Andechs und die Partnachalm – allesamt nicht weit entfernt von Hitlers zukünftigem sogenannten
Berghof in den bayerischen Alpen. Mayer-Doss verfügte über beträchtlichen Reichtum und hatte Verbindungen nach England über seine Schwester, die dort geheiratet hatte.
Nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 wurde Karl Haushofers Gattin Martha als Halbjüdin (Mischling ersten Grades) eingestuft, was die Familie in Gefahr brachte. Ihre Kinder, darunter auch Karl Haushofers Sohn Albrecht, waren somit im Nazi-Jargon sog. "Vierteljuden" (Mischlinge zweiten Grades). Hess' Intervention verschaffte ihnen den Status als „Ehrenarier”, wodurch Haushofer trotz seiner offenbar eigenen antisemitischen Ansichten seine Arbeit fortsetzen konnte – eine ironische Umgehung der Rassenpolitik der Nazis.

Property Card, 1945: Portrait von Karl Haushofers Schwester und Bildmalerin Maria, im Besitz von 'Hitler'
Wichtig zu erwähnen ist, dass nach jüdischem Recht und jüdischer Tradition Kinder einer jüdischen Mutter als vollwertige Juden gelten.
Albrecht Haushofer und der stellvertretende Führer
Haushofers Sohn Albrecht, ursprünglich Diplomat des Regimes und Geograf, der eindeutig von den Ideen seines Vaters Karl geprägt war, wurde zunehmend desillusioniert.
Albrecht stand Rudolf Hess nahe und wurde bereits im August 1940 über den Plan des Stellvertreters des Führers informiert, heimlich nach England zu fliegen, um Verhandlungen zur Vermeidung eines umfassenden Krieges mit Russland zu führen.
Albrecht Haushofer fiel endgültig in Missgunst der Nazi-Führer,
nachdem Hess tatsächlich zu seiner einsamen Mission startete, sein Flugzeug mitten in der Luft verließ und am 10. Mai 1941 mit dem Fallschirm in England landete – wo er schnell verhaftet wurde, anstatt dort Friedensverhandlungen führen zu können.
Albrecht Haushofer, der angeblich auch an der deutschen Widerstandsbewegung beteiligt war und mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 in Verbindung stand, wurde im Dezember 1944 verhaftet und, zumindest laut Dokumenten, am 23. April 1945 im Gefängnis Berlin-Moabit von der SS hingerichtet als die sowjetischen Truppen vorrückten. Seine im Gefängnis geschriebenen „Moabit-Sonette” reflektieren Themen wie Schuld, Schicksal und Widerstand gegen den Krieg.

Hitler reading local Bavarian 'Berchtesgaden News'
Subjektiv gesehen spielte die jüdische Abstammung für die Identität der Familie Haushofer keine zentrale Rolle, da Martha und Albrecht sie eher unter pragmatischen Gesichtspunkten betrachteten als unter kulturellen oder religiösen. Dennoch unterstreicht dies die zynischen Widersprüche innerhalb der Nazi-Elite – sogar bis heute, möchte man sagen.
Dieser Zynismus des Regimes entsprang der Demütigung durch den Versailler Vertrag, dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, Hitlers Nationalismus, dem fanatischen Antisemitismus, der ironischerweise von Karl Haushofer – dessen eigene Ehefrau Jüdin war – angeheizt wurde, dem Militarismus und der Geopolitik. Propaganda und Fanatismus für rassische Reinheit und Expansion schürten ihn bis zur Niederlage 1945. Haushofers Ideen fanden ihren Widerhall in den Achsenpakten, insbesondere von dem mit Russland von August 1939, aber der Kern war grenzenloser ideologischer Wahnsinn. Karl und Martha Haushofer begingen 1946 Selbstmord.
Echte Geschichtsforschung warnt wie hier wieder einmal davor, dass Schlüssel-Intellektuelle schon wenig später Monster befähigen können, die auf Zerstörung und Massenmord aus sind.
Weshalb man so selten darüber liest oder hört, so scheint es.
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Dieser Artikel wurde vollständig verfasst und geschrieben von Martin Dorsch, akkreditierter, unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa. Er arbeitet nicht für ein Unternehmen oder eine Organisation, das/die von diesem Artikel profitieren würde, er berät solche nicht, besitzt keine Anteile an diesen und erhält bis dato auch keine finanziellen Mittel von solchen.